Gesang der Frauen an den Dichter
1926Sieh, wie sich alles auftut: so sind wir; denn wir sind nichts als solche Seligkeit. Was Blut und Dunkel war in einem Tier, das wuchs in uns zur Seele an und schreit
als Seele weiter. Und es schreit nach dir. Du freilich nimmst es nur in dein Gesicht, als sei es Landschaft: sanft und ohne Gier. Und darum meinen wir, du bist es nicht,
nach dem es schreit. Und doch, bist du nicht der, an den wir uns ganz ohne Rest verlören? Und werden wir in irgendeinem mehr?
Mit uns geht das Unendliche vorbei. Du aber sei, du Mund, daß wir es hören, du aber, du Uns-Sagender: du sei.
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Interpretation
Das Gedicht "Gesang der Frauen an den Dichter" von Rainer Maria Rilke ist eine tiefgründige Reflexion über die Beziehung zwischen dem Dichter und seinen Lesern, insbesondere den Frauen. Die Frauen sehen den Dichter als eine Art Vermittler, der ihre innersten Gefühle und Sehnsüchte in Worte fassen kann. Sie beschreiben sich selbst als "solche Seligkeit", die sich aus dem Dunkel und dem Tierischen entwickelt hat und nun als Seele existiert, die nach dem Dichter ruft. Der Dichter hingegen nimmt ihre Schreie nur als sanfte Landschaft wahr, ohne Gier oder tiefere Verbindung. Die Frauen fühlen sich vom Dichter missverstanden, da er ihre tiefen Emotionen nicht wirklich erfasst. Sie fragen sich, ob der Dichter nicht derjenige ist, an den sie sich "ganz ohne Rest verlören", was auf eine tiefe, bedingungslose Hingabe hindeutet. Die Frauen stellen die Frage, ob es jemanden gibt, der sie in einer noch intensiveren Weise verstehen und erfassen könnte. Sie erkennen, dass das Unendliche mit ihnen geht, aber sie bitten den Dichter, als Mund und Uns-Sagender zu sein, damit sie ihre Sehnsucht und ihre unaussprechlichen Gefühle hören können. Das Gedicht endet mit einem Appell an den Dichter, seine Rolle als Vermittler und Ausdruck ihrer innersten Gefühle zu erfüllen. Die Frauen sehen in ihm die Möglichkeit, ihre Seele und ihre Sehnsucht auszudrücken und zu verstehen. Sie bitten ihn, als "Uns-Sagender" zu sein, der ihre unaussprechlichen Gefühle in Worte fassen und ihnen eine Stimme geben kann.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- denn wir sind nichts als solche Seligkeit
- Parallelismus
- du aber sei, du Mund, daß wir es hören, du aber, du Uns-Sagender: du sei
- Personifikation
- Was Blut und Dunkel war in einem Tier, das wuchs in uns zur Seele an und schreit
- Rhetorische Frage
- Und doch, bist du nicht der, an den wir uns ganz ohne Rest verlören?
- Vergleich
- als sei es Landschaft: sanft und ohne Gier