Gesang der Exakten
1888War’s um sechs Uhr oder sieben, Wann er diesen Vers geschrieben? War’s vielleicht präzis halb achte, Als er zu Papiere brachte Diesen Einfall, diesen Witz?
War es vor, war’s nach dem Essen, Als bei Lotten er gesessen? Was des weitern dann geschehen, Durfte, fragen wir, es sehen, Der Geliebten kleiner Fritz?
Wie war’s mit Corona Schröter? Rosenröthlich oder röther? Was ist Sage, was Geschichte? Auch auf diesen Streitpunkt richte Sich die Nase scharf und spitz!
Mariane – wer es wüßte, Ob er nur die Stirne küßte, Ob er, um nicht bloß zu nippen, Kühnlich Lippen drückt’ auf Lippen, Amors älterer Noviz?
Ach, die Knöpf’ an seinem Rocke, Ach, die Haare jeder Locke, Wer sie pünktlich könnte zählen, Würde nicht den Weg verfehlen Zu der Wahrheit tiefstem Sitz.
Nur ein Schwätzer kann verübeln Dieses Stöbern, Krabbeln, Grübeln, Diese kritisch feine Beize, Frucht der süßen Prickelreize, Diesen edlen Wunderfiz.
Aechter Forschung Morgenröthe Ueber Lessing, Schiller, Goethe, Ueber groß und kleine Dichter Glüh’ empor, verkünde Lichter Neu und blendend wie ein Blitz!
Laß ersterben das Abstrakte, Laß erblühen das Exakte! Leuchte, zeuge, ziehe, züchte Wahrer Literargeschichte Musterhafteste Miliz!
Laß ersterben die Aesthetik, Laß erblühn die Arithmetik! Schüler auf zum Heiligthume Der addirten Bröselkrume Walle feierlichen Schritts!
Geist, Entwicklungsgang und Fatum: Ihr Geheimniß ist das Datum, Die Geschichte ist Kalender, Leb’ er hoch, der Einsichtspender Und sein Segen, die Notiz!
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Interpretation
Das Gedicht "Gesang der Exakten" von Friedrich Theodor Vischer ist eine humorvolle und satirische Auseinandersetzung mit der exakten Literaturwissenschaft. Vischer persifliert die übermäßige Detailgenauigkeit und die akribische Erfassung von Daten und Fakten, die in der Literaturwissenschaft betrieben werden können. Das Gedicht beginnt mit der Frage nach der genauen Uhrzeit, zu der ein Vers geschrieben wurde. Es setzt sich fort mit der Frage, ob die Niederschrift vor oder nach dem Essen geschah und ob der Geliebte Lotten und ihr kleiner Fritz dies bezeugen können. Vischer führt diese Fragen ad absurdum, indem er sich fragt, ob es bei Corona Schröter rötlich oder röther war und ob Mariane von dem Dichter nur die Stirn oder auch die Lippen geküsst bekam. Der Dichter fordert in der zweiten Strophe die "Aechter Forschung Morgenröthe" auf, über die großen Dichter wie Lessing, Schiller und Goethe zu leuchten und "Neu und blendend wie ein Blitz" Lichter zu verkünden. Er fordert das "Abstrakte" auf, zu sterben und das "Exakte" aufzublühen. Er fordert die "Aesthetik" auf zu sterben und die "Arithmetik" aufzublühen. Das Gedicht endet mit der Aufforderung, den "Geist, Entwicklungsgang und Fatum" zu erforschen und zu dokumentieren. Vischer fordert die Literaturwissenschaftler auf, die "Einsicht" und den "Notiz" zu ehren und zu preisen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Als er zu Papiere brachte
- Anapher
- War's vor, war's nach dem Essen
- Bildsprache
- Die Geschichte ist Kalender
- Enjambement
- Als er zu Papiere brachte Diesen Einfall, diesen Witz?
- Hyperbel
- Wer sie pünktlich könnte zählen
- Ironie
- Diesen edlen Wunderfiz
- Metapher
- Geist, Entwicklungsgang und Fatum
- Personifikation
- Aechter Forschung Morgenröthe
- Rhetorische Frage
- War's um sechs Uhr oder sieben
- Synästhesie
- Frucht der süßen Prickelreize