Germania an ihre Kinder
18091
Die des Maines Regionen, Die der Elbe heitre Au’n, Die der Donau Strand bewohnen, Die das Odertal bebaun, Aus des Rheines Laubensitzen, Von dem duft’gen Mittelmeer, Von der Riesenberge Spitzen, Von der Ost- und Nordsee her!
Chor
Horchet! - Durch die Nacht, ihr Brüder, Welch ein Donnerruf hernieder? Stehst du auf, Germania? Ist der Tag der Rache da?
2
Deutsche, mut’ger Kinder Reigen, Die, mit Schmerz und Lust geküßt, In den Schoß mir kletternd steigen, Die mein Mutterarm umschließt, Meines Busens Schutz und Schirmer, Unbesiegtes Marsenblut, Enkel der Kohortenstürmer, Römerüberwinderbrut!
Chor
Zu den Waffen, zu den Waffen! Was die Hände blindlings raffen! Mit dem Spieße, mit dem Stab Strömt ins Tal der Schlacht hinab!
3
Wie der Schnee aus Felsenrissen, Wie auf ew’ger Alpen Höh’n Unter Frühlings heißen Küssen Siedend auf die Gletscher gehn: Katarakten stürzen nieder, Wald und Fels folgt ihrer Bahn, Das Gebirg hallt donnernd wider, Fluren sind ein Ozean -
Chor
So verlaßt, voran der Kaiser, Eure Hütten, eure Häuser, Schäumt, ein uferloses Meer, Ueber diese Franken her!
4
Der Gewerbsmann, der den Hügeln Mit der Fracht entgegenzeucht, Der Gelehrte, der auf Flügeln Der Gestirne Saum erreicht, Schweißbedeckt das Volk der Schnitter, Das die Fluren niedermäht, Und vom Fels herab der Ritter, Der, sein Cherub, auf ihm steht -
Chor
Wer in unzählbaren Wunden Jener Fremden Hohn empfunden, Brüder, wer ein deutscher Mann, Schließe diesem Kampf sich an!
5
Alle Triften, alle Stätten Färbt mit ihren Knochen weiß; Welchen Rab’ und Fuchs verschmähten, Gebet ihn den Fischen preis; Dämmt den Rhein mit ihren Leichen, Laßt, gestäuft von ihrem Bein, Schäumend um die Pfalz ihn weichen Und ihn dann die Grenze sein!
Chor
Eine Lustjagd, wie wenn Schützen Auf die Spur dem Wolfe sitzen! Schlagt ihn tot! das Weltgericht Fragt euch nach den Gründen nicht!
6
Nicht die Flur ist’s, die zertreten Unter ihren Rossen sinkt; Nicht der Mond, der in den Städten Aus den öden Fenstern blinkt;^ Nicht das Weib, das mit Gewimmer Ihrem Todeskuß erliegt Und zum Lohn beim Morgenschimmer Auf den Schutt der Vorstadt fliegt!
Chor
Das Geschehne sei vergessen! Reue mög’ euch ewig pressen! Höh’rem als der Erde Gut Schwillt an diesem Tag das Blut!
7
Rettung von dem Joch der Knechte, Das, aus Eisenerz geprägt, Eines Höllensohnes Rechte Ueber unsern Nacken legt! Schutz den Tempeln vor Verheerung! Unsrer Fürsten heil’gem Blut Unterwerfung und Verehrung! Gift und Dolch der Afterbrut!
Chor
Frei auf deutschem Grunde walten Laßt uns nach dem Brauch der Alten, Seines Segens selbst uns freun Oder unser Grab ihn sein!
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Interpretation
Das Gedicht "Germania an ihre Kinder" von Heinrich von Kleist ist eine patriotische Ode, die die deutschen Stämme dazu aufruft, sich gegen die Franzosen zu erheben und für ihre Freiheit zu kämpfen. Die Sprecherin ist Germania, die personifizierte Verkörperung Deutschlands, die ihre Kinder, die deutschen Völker, anspricht. Das Gedicht ist in sieben Strophen gegliedert, wobei jede Strophe von einem Chor unterbrochen wird, der als Aufruf zum Kampf dient. Die erste Strophe nennt die verschiedenen Regionen und Landschaften Deutschlands, die von den Stämmen bewohnt werden, von West nach Ost und von Nord nach Süd. Die zweite Strophe wendet sich direkt an die Deutschen, die als mutige Kinder bezeichnet werden, die in den Schoß ihrer Mutter Germania klettern. Sie werden als Nachkommen der alten Germanen und Römerüberwinder gepriesen, die unbesiegbare Kampfeskraft besitzen. Die dritte Strophe verwendet eine Naturmetapher, um den Ansturm der Deutschen auf die Franzosen zu beschreiben. Wie ein Schneesturm aus den Bergen herabstürzt und alles mit sich reißt, so sollen sich die Deutschen unter der Führung ihres Kaisers auf die Feinde stürzen und sie überwältigen. Die vierte Strophe richtet sich an verschiedene soziale Schichten der Deutschen, vom Händler über den Gelehrten bis zum Bauer und Ritter. Sie alle sollen sich dem Kampf anschließen, wenn sie unter der fremden Herrschaft gelitten haben oder stolz auf ihre deutsche Herkunft sind. Die fünfte Strophe zeichnet ein grausames Bild der bevorstehenden Schlacht, in der die Feinde getötet und ihre Leichen als Brücke über den Rhein genutzt werden sollen. Die sechste Strophe relativiert die Zerstörung und das Leid, das der Krieg mit sich bringen wird. Es sei nicht wichtig, wenn Felder zertreten, Städte verwüstet und Frauen vergewaltigt werden. Wichtiger sei das höhere Ziel der Freiheit und Ehre. Die siebte und letzzte Strophe fasst die Motivationen für den Kampf zusammen: Befreiung von der unterdrückerischen Fremdherrschaft, Schutz der religiösen und politischen Institutionen, sowie Rache an den Feinden. Das Gedicht endet mit dem Chor, der die Deutschen auffordert, ihre alte Freiheit zurückzugewinnen oder im Kampf zu sterben. Das Gedicht ist ein Beispiel für den Patriotismus und Nationalismus, der in der Zeit der napoleonischen Kriege in Deutschland aufkam. Es appelliert an die Einheit und Solidarität der Deutschen, die sich als eine große Familie verstehen, die von einer gemeinsamen Mutter Germania geliebt wird. Es beschwört auch die glorreiche Vergangenheit der Germanen, die sich erfolgreich gegen das Römische Reich gewehrt haben. Das Gedicht verwendet verschiedene rhetorische Mittel, um die Deutschen zu mobilisieren und zu begeistern. Dazu gehören die Anapher (die Wiederholung von Anfangwörtern), die Metapher (der Vergleich von Ungleichem), die Personifikation (die Vermenschlichung von Abstraktem) und die Hyperbel (die Übertreibung). Das Gedicht ist auch sehr blutig und brutal in seiner Darstellung des Krieges. Es zeigt keine Rücksicht auf das menschliche Leben oder das Leid der Zivilbevölkerung. Es rechtfertigt auch alle Mittel, die zum Sieg führen, auch wenn sie unmenschlich oder unethisch sind. Das Gedicht ist also ein Ausdruck einer radikalen und fanatischen Form des Patriotismus, die den Feind als etwas absolut Böses und sich selbst als etwas absolut Gutes ansieht.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Deutsche, mut'ger Kinder Reigen
- Anapher
- Die des Maines Regionen, Die der Elbe heitre Au'n, Die der Donau Strand bewohnen, Die das Odertal bebaun
- Hyperbel
- Alle Triften, alle Stätten Färbt mit ihren Knochen weiß
- Metapher
- Gift und Dolch der Afterbrut
- Personifikation
- Stehst du auf, Germania? Ist der Tag der Rache da?
- Synästhesie
- Mit dem Spieße, mit dem Stab