Genug oft
1871Genug oft, daß zwei Menschen sich berühren, - nicht leiblich, geistig nur - daß sie sich»sehn«, daß sie sich einmal gegenüberstehn - um sich danach vielleicht auf immer zu verlieren.
Genug oft, daß ein Lächeln Zweier Seelen vermählt - oh nicht vermählt! nur dies: sie führt, so vor einander schweigend und erschüttert, daß ihnen alle Wort′ und Wünsche fehlen, und jede, unaussprechlich angerührt, nur tief vom Zittern der verwandten zittert.
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Interpretation
Das Gedicht "Genug oft" von Christian Morgenstern thematisiert die flüchtige und oft schmerzhafte Natur tiefgreifender menschlicher Begegnungen. Es beschreibt, wie zwei Menschen sich nicht nur körperlich, sondern vor allem geistig berühren können. Diese Momente der geistigen Verbundenheit sind selten und intensiv, aber oft von kurzer Dauer. Das Gedicht verdeutlicht, dass solche Begegnungen oft mit dem Verlust oder dem Auseinanderdriften der Menschen enden, obwohl sie in jenem Moment eine tiefe Verbindung erleben. Die zweite Strophe fokussiert sich auf die emotionale Intensität solcher Begegnungen. Ein Lächeln, das zwei Seelen teilen, wird als eine Art Vermählung beschrieben, obwohl es sich dabei nicht um eine tatsächliche Verbindung handelt. Die Menschen sind erschüttert und sprachlos, überwältigt von der Tiefe des Moments. Ihre Worte und Wünsche versagen, und sie sind nur noch in der Lage, das Zittern der anderen Seele zu spüren. Dies unterstreicht die Verletzlichkeit und die tiefe emotionale Berührung, die solche Momente mit sich bringen. Insgesamt vermittelt das Gedicht eine melancholische Stimmung. Es zeigt, wie selten und kostbar solche tiefen Begegnungen sind, aber auch, wie schmerzhaft es sein kann, wenn sie vorübergehen. Morgenstern fängt die Schönheit und den Schmerz der menschlichen Verbindung ein und erinnert daran, dass solche Momente oft genug sind, um einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen, auch wenn sie flüchtig sind.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Zittern der verwandten zittert
- Enjambement
- Genug oft, daß zwei Menschen sich berühren, nicht leiblich, geistig nur - daß sie sich»sehn«, daß sie sich einmal gegenüberstehn - um sich danach vielleicht auf immer zu verlieren.
- Gegensatz
- oh nicht vermählt! nur dies: sie führt
- Metapher
- daß ein Lächeln Zweier Seelen vermählt
- Personifikation
- daß ihnen alle Wort' und Wünsche fehlen