Generalbeichte
1749Lasset heut im edeln Kreis Meine Warnung gelten! Nehmt die ernste Stimmung wahr! Denn sie kommt so selten. Manches habt ihr vorgenommen, Manches ist euch schlecht bekommen, Und ich muß euch schelten.
Reue soll man doch einmal In der Welt empfinden! So bekennt, vertraut und fromm, Eure größten Sünden! Aus des Irrtums falschen Weiten Sammelt euch und sucht bei Zeiten Euch zurechtzufinden!
Ja, wir haben, sei′s bekannt, Wachend oft geträumet, Nicht geleert das frische Glas, Wenn der Wein geschäumet; Manche rasche Schäferstunde, Flücht′gen Kuß vom lieben Munde, Haben wir versäumet.
Still und maulfaul saßen wir, Wenn Philister schwätzten, Über göttlichen Gesang Ihr Geklatsche schätzten; Wegen glücklicher Momente, Deren man sich rühmen könnte, Uns zur Rede setzten.
Willst du Absolution Deinen Treuen geben, Wollen wir nach deinem Wink Unabläßlich streben, Uns vom Halben zu entwöhnen, Und im Ganzen, Guten, Schönen Resolut zu leben,
Den Philistern allzumal Wohlgemut zu schnippen, Jenen Perlenschaum des Weins Nicht nur flach zu nippen, Nicht zu liebeln leis mit Augen, Sondern fest uns anzusaugen An geliebte Lippen.
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Interpretation
Das Gedicht "Generalbeichte" von Johann Wolfgang von Goethe thematisiert die menschliche Schwäche und die Notwendigkeit der Selbstreflexion. Der Sprecher ruft zu einer ernsten Stimmung auf und ermahnt die Zuhörer, ihre Sünden zu bekennen. Es geht um das Empfinden von Reue und das Finden des rechten Weges aus den Irrtümern des Lebens. Der zweite Teil des Gedichts offenbart die konkreten Sünden der Sprecher. Sie gestehen, dass sie oft geträumt haben, statt das Glas zu leeren, wenn der Wein schäumte. Sie haben Schäferstunden und flüchtige Küsse versäumt. Auch haben sie still und maulfaul gesessen, wenn Philister über göttlichen Gesang geklatschelt haben. Sie wurden wegen glücklicher Momente, derer man sich rühmen könnte, zur Rede gestellt. Im letzten Teil des Gedichts versprechen die Sprecher, nach dem Wink des Sprechers unablässig zu streben. Sie wollen sich vom Halben entwöhnen und im Ganzen, Guten, Schönen resolute leben. Sie wollen den Philistern wohlgemut schnippen, den Perlenschaum des Weins nicht nur flach nippen und nicht leise mit den Augen liebeln, sondern sich fest an geliebte Lippen saugen. Das Gedicht endet mit einem Aufruf zu einem erfüllteren Leben, das die Freuden des Augenblicks in vollen Zügen genießt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Wachend oft geträumet
- Anapher
- Manches habt ihr vorgenommen, Manches ist euch schlecht bekommen
- Bildsprache
- Nicht zu liebeln leis mit Augen, Sondern fest uns anzusaugen An geliebte Lippen
- Hyperbel
- Nicht geleert das frische Glas, Wenn der Wein geschäumet
- Kontrast
- Still und maulfaul saßen wir, Wenn Philister schwätzten
- Metapher
- Aus des Irrtums falschen Weiten
- Personifikation
- Wachend oft geträumet