Gemein

Ada Christen

1901

1

Zuweilen dünkt Dich: reich bin ich ja doch, Denn immer hab′ ich etwas noch zu geben, Wer mir nur naht, er nimmt ein Stücklein noch Aus diesem armgeplündert-dunklen Leben.

Du schauest voll Bewunderung sie an, Die auszunützen Dich so wohl verstanden. Noch sind sie höflich… werden grob sie, dann Weißt Du, daß sie zu nehmen Nichts mehr fanden.

2

Immer fein nach der Schablone, Immer fein in dem Geleise! Leg′ zurecht Dir Schmerz und Wonne Nach der hergebrachten Weise.

Und kann nicht in alle Formen Dein vertracktes Wesen passen, Widerstrebt es dir, mit Normen, Altgewohnt, dich zu befassen,

Ei, so lasse dich auch stutzen, Lasse dich ein wenig blenden; Um die Form nicht zu beschmutzen, Laß den Inhalt lieber schänden.

Lasse langsam Dich dressiren Zu der Alltags-Kleingeld Phrase; Lern′ gleich Anderen brilliren Mit der hohlsten Seifenblase.

Deinen Ruhm an allen Orten Werden sie dann singen, sagen - Aber was aus Dir geworden, Darfst Du selbst Dich niemals fragen.

3

Du kämpfest nutzlos gegen jene Macht, Die alle Worte nicht erschöpfend nennen, Woran die Brust wir stets uns blutig rennen, Die unsre tiefsten Schmerzen frech verlacht.

Was liebevoll der Welt Du zugebracht, Wofür begeistert treue Herzen brennen, Es scheitert doch… Du wirst es noch erkennen An des Gemeinen ewig starker Macht.

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Illustration zu Gemein

Interpretation

Das Gedicht "Gemein" von Ada Christen ist eine vielschichtige Auseinandersetzung mit den Themen Selbsttäuschung, gesellschaftlicher Konformismus und der Verletzlichkeit echter Gefühle in einer oft oberflächlichen Welt. Im ersten Teil des Gedichts beschreibt die Autorin die Selbsttäuschung eines Menschen, der sich reich fühlt, weil er immer noch etwas zu geben hat. Doch diese vermeintliche Großzügigkeit wird als Trugschluss entlarvt, da die "Nehmer" nur solange höflich bleiben, wie sie noch etwas zu holen haben. Sobald nichts mehr zu holen ist, wird die wahre Natur der Beziehungen offenbart - sie waren nie auf Gegenseitigkeit oder echte Zuneigung aufgebaut. Der zweite Teil kritisiert den gesellschaftlichen Zwang zur Konformität. Christen beschreibt, wie Menschen dazu gedrängt werden, ihre Gefühle und Erfahrungen in vorgefertigte Formen zu pressen. Wer sich nicht anpasst, wird unter Druck gesetzt, bis er schließlich bereit ist, seinen wahren Inhalt zu beschmutzen, um der Form willen. Die Autorin warnt davor, dass ein solches Verhalten zwar gesellschaftliche Anerkennung bringen mag, aber auf Kosten der eigenen Authentizität geht. Im dritten und letzten Teil des Gedichts beklagt Christen die Ohnmacht gegenüber einer "gemeinen Macht", die alles, was liebevoll und aufrichtig ist, verhöhnt und vernichtet. Trotz aller Bemühungen und der Begeisterung treuer Herzen bleibt die "gemeine Macht" ewig stark. Dies könnte als Verweis auf die Unausweichlichkeit von Oberflächlichkeit und Gemeinheit in der Gesellschaft interpretiert werden, die selbst die tiefsten und aufrichtigsten Gefühle nicht verschonen. Insgesamt zeichnet das Gedicht ein düsteres Bild der menschlichen Existenz, in der Selbsttäuschung, Konformitätsdruck und die Verletzlichkeit echter Gefühle allgegenwärtig sind. Christen warnt vor den Gefahren, die in der Anpassung an gesellschaftliche Normen und der Vernachlässigung der eigenen Authentizität liegen.

Schlüsselwörter

lasse fein alle macht zuweilen dünkt reich hab

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
stets uns stets uns blutig rennen
Hyperbel
stets uns blutig rennen
Ironie
Deinen Ruhm an allen Orten Werden sie dann singen, sagen - Aber was aus Dir geworden, Darfst Du selbst Dich niemals fragen
Metapher
Lasse langsam Dich dressiren
Parallelismus
Immer fein nach der Schablone, Immer fein in dem Geleise!
Personifikation
Die unsre tiefsten Schmerzen frech verlacht