Gemählde eines Erschlagenen
1751Blutige Lokken fallen von eingesunkenen Wangen; Furchtbar, zwischen Hülfe rufend geöffneten, schwarzen Lippen laufen zwey Reihen scheußlicher Zähne, so ragen Dürre Beine aus Gräbern hervor; die gefalteten Hände Dekket Blässe, die unter zersplitterten Nägeln zum Blau wird: Denn im einsamen schrekkenden Walde hat er sich ängstlich Mit verlarvten Mördern gerungen: es hallten die Wipfel Von seinem bangen Rufen und dem mördrischen Murmeln Seiner Gegner; bald erlagen die Kräfte des Kämpfers, Schlaffe Arme strekt′ er vergeblich, die tödtlichen Aexte Von seinem Haupt abzuhalten; sie, die sonst schüchterne Vögel Aus den gefällten Bäumen verscheuchten, spalteten izo Grausam die gehirnsprüzzende Scheitel des sterbenden Mannes, Dessen Seele ungern vom röchelnden Busen emporstieg. - Streifende Jäger fanden den zerzerreten Körper In dem See von eigenem Blut, aus welchem die Gräsgen Ihre befleckten Spizzen scheu erhoben: sie brachten Ihn der untröstbaren Wittwe, die sein dunkeles Auge Noch zu bedauren schien: noch sichtbar war auf der Wange Der sonst freundliche Zug, auf der verunstalteten Stirne Die kenntbare Runzel, die oft ein ahndender Kummer In melancholischen Stunden drauf pflanzte. -
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Interpretation
Das Gedicht "Gemählde eines Erschlagenen" von Jakob Michael Reinhold Lenz schildert in eindringlichen Bildern den Tod eines Mannes im Wald, der von Mördern überwältigt und mit Äxten erschlagen wird. Die Verse zeichnen ein grausames Tableau: Blutige Züge, aufgerissene schwarze Lippen, die schauerlichen Zähne zeigen, und die Arme, die vergeblich nach Hilfe rufen. Die Natur selbst scheint Zeugin zu sein, denn die Baumwipfel hallen von seinen bangen Rufen und dem mörderischen Gemurmel seiner Peiniger wider. Schließlich erliegt der Kämpfer seinen Verletzungen, sein Gehirn zersplittert, und seine Seele steigt nur ungern von seiner sterbenden Brust empor. Die Jäger, die den zerstückelten Körper in einem See aus eigenem Blut finden, bringen ihn der untröstlichen Witwe. Selbst im Tod bewahrt der Mann noch Züge, die seine Identität erkennen lassen: der freundliche Zug auf der Wange und die bekannte Falte auf der Stirn, die oft in melancholischen Stunden von Kummer gezeichnet war. Das Gedicht endet mit einem Hauch von Trauer und Erinnerung, da selbst im Tod noch ein Rest von Menschlichkeit und Vertrautheit zu spüren ist. Lenz nutzt die Form des Gedichts, um eine Mischung aus Horror und Mitleid zu erzeugen. Die drastischen Beschreibungen des Todes und der Verstümmelung stehen im Kontrast zu den letzten Zeilen, die einen sanfteren, fast tröstlichen Ton anschlagen. Der Leser wird mit der Brutalität des Mordes konfrontiert, aber auch mit der Beständigkeit der menschlichen Züge und der Trauer der Hinterbliebenen. Das Werk vermittelt somit eine tiefe Auseinandersetzung mit Sterblichkeit, Gewalt und der Unausweichlichkeit des Todes.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- schrekkenden Walde hat er sich ängstlich
- Bildsprache
- Streifende Jäger fanden den zerzerreten Körper
- Hyperbel
- grausam die gehirnsprüzzende Scheitel des sterbenden Mannes
- Kontrast
- Die kenntbare Runzel, die oft ein ahndender Kummer
- Metapher
- Blutige Lokken fallen von eingesunkenen Wangen
- Onomatopoesie
- Das hallten die Wipfel von seinem bangen Rufen und dem mördrischen Murmeln
- Personifikation
- Dürre Beine aus Gräbern hervor
- Symbolik
- See von eigenem Blut
- Vergleich
- sie, die sonst schüchterne Vögel aus den gefällten Bäumen verscheuchten
- Wiederholung
- aus welchem die Gräsgen ihre befleckten Spizten scheu erhoben