Gelähmter Flug

Joseph Christian von Zedlitz

1859

Fragt Ihr mich, warum allein Fort ich ziehe meine Straße, Fern von mir die Freunde lasse? Während Jeder auf den Wellen Lustig treibt, im Rosenschein Seiner Jugend, ich den hellen Spiegel der besonnten Fluth Und die fröhlichen Gesellen Traurig meide? All’ mein Muth Still verglommen in herbem Leide –?

Seht! wie durch die Lüfte hin, Weiß gefiedert, dichte Schwärme Wandervögel nach der Wärme Einer mildern Sonne ziehn! Horch! wie ihrer Flügel Schläge Ungebahnte Wolkenwege Rasch durchschiffen, und Gesang Tönt den ganzen Zug entlang!

Einen nur seht Ihr aus Allen Einsam wallen Durch den heitern Raum der Luft; Mühsam folgt sein matter Flug Nur von fern dem lauten Zug; Ob ihn auch die Stimme ruft Seiner eilenden Genossen, Ach, – ihm ist die Brust durchschossen Und ein Pfeil lähmt seine Kraft! Wie er sich auch aufgerafft, Sehnsucht ihn auch lockt nach Süden, Nimmer zeigt dem Schmerzensmüden Sich das warme Hoffnungsland. Weit vor ihm dehnt sich das Meer, Und, eh’ er erreicht den Strand, Schon von Todesgraun bezwungen Sinket er, Und ihn hat die Fluth verschlungen.

Seht! so traf auch meine Brust Mir ein Pfeil. Die herbe Wunde Blutet, zehrt am Lebensmark. Ich, der wie der Stärkste stark, Einst mit Frohen ging im Bunde, Sichern Todes mir bewußt, Einsam weil’ ich nun zur Stunde! Fern vom frischen Strom der Lust, Berg’ ich mich im tiefsten Schatten, Bis die matten Glieder mir, dem Lebenssatten, Löst der Tod! – Die mir gesendet Einst den Pfeil, mir schlug die Wunde, Hoffe nicht, daß ich gesunde; Bald, daß meine Qual geendet, Komme ihr gefäll’ge Kunde! –

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Illustration zu Gelähmter Flug

Interpretation

Das Gedicht "Gelähmter Flug" von Joseph Christian von Zedlitz erzählt von einem einsamen Wanderer, der sich von seinen Freunden und der Jugendzeit abwendet. Die Ursache für diese Isolation wird als ein tiefer Schmerz offenbart, symbolisiert durch einen Pfeil, der die Brust des Wanderers durchbohrt hat. Dieser Schmerz lähmt seine Kraft und hindert ihn daran, dem Zug der Vögel zu folgen, die in wärmere Gefilde ziehen. Der Wanderer ist gezwungen, einsam zu bleiben und hofft auf den Tod als Erlösung von seiner Qual. Das Gedicht verwendet das Bild der Wandervögel, die in Schwärmen in den Süden ziehen, als Metapher für die Jugend und das Leben. Der einsame Vogel, der dem Zug nicht folgen kann, symbolisiert den Schmerz und die Isolation des Wanderers. Der Pfeil, der den Vogel trifft und lähmt, steht für das traumatische Ereignis, das den Wanderer von seinen Mitmenschen trennt und ihm die Freude am Leben raubt. Das Gedicht endet mit der Hoffnung des Wanderers auf den Tod als Erlösung von seinem Schmerz. Er wünscht sich, dass die Person, die ihm den Pfeil geschickt hat, bald von seinem Tod erfährt. Dies zeigt die Tiefe seines Leidens und seinen Wunsch nach einem Ende seiner Qualen. Das Gedicht ist eine eindringliche Darstellung von Schmerz, Isolation und dem Verlangen nach Erlösung.

Schlüsselwörter

fern seht pfeil fluth zug einsam brust wunde

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Stilmittel

Alliteration
Weiß gefiedert, dichte Schwärme
Anapher
Seht! wie durch die Lüfte hin
Hyperbel
Sichern Todes mir bewußt
Kontrast
Fern von mir die Freunde lasse
Metapher
Dem Lebenssatten
Personifikation
All' mein Muth Still verglommen
Symbolik
Einen Pfeil lähmt seine Kraft
Vergleich
Wie er sich auch aufgerafft