Geisterrache
unknownDer Censor schlief, es war Mitternacht; Da regt sich′s in seinen Schranken; Da standen die bleichen Geister auf, Die ermordeten Gedanken. Sie seufzten tief, sie seufzten schwer; Sie wankten und schwankten hin und her, Und: wehe! wehe! wehe! Erscholl′s in des Mörder′s Nähe,
»Ich hatte das arme Volk zu lieb!« Erhub der Eine die Stimme. »Ich forderte das versprochene Glück Mit schlecht verbißenem Grimme.« Der Dritte sprach: »Ich war munteres Blut, Ich verwechselte ein Mal Scepter und Knut′!« Der Vierte: »Ich war ein Tadel Gegen den lästigen Adel.«
»Ich forderte keck das freie Wort!« »Und ich die Gleichheit der Rechte.« »Ich sagte: die Fürsten gehörten dem Volk.« »Und ich: wir wären keine Knechte!« »Ich höhnte die traurige Petition.« »Ich aber rief: habt ihr vergessen schon? Unterdrückt, verbietet nur fleißig: Ein Tausend Acht hundert und dreißig!«
So sprachen sie alle in finsterm Groll, Und schwuren Rache zum Himmel; Drauf wirrt′s und schwirrt′s um des Schläfers Kopf, Das böse Geister-Gewimmel. Sie krochen durch Nase, durch Ohr und Mund; Sie rißen am Haar ihn, sie stopften den Schlund, Sie tobten auf seiner Stirne, Sie schrieen in seinem Gehirne.
Früh Morgens wurde dem Censor verliehn Ein großer, langer Orden; Er aber sah stier auf das bunte Band, Denn er war wahnsinnig worden. - An jenem Schrank′, in der Nacht darauf, Hing er mit dem Ordensbande sich auf, Und draußen hörte der Wächter Ein fürchterliches Gelächter.
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Interpretation
Das Gedicht "Geisterrache" von Adolf Glaßbrenner thematisiert die Rache der unterdrückten Gedanken an einem Zensor. In der Mitternacht erwachen die geistigen "Geister" der zensierten Ideen, die sich durch den Zensor ermordet fühlten. Diese Geister, die für Freiheit, Gleichheit und Kritik am Adel standen, schwören Rache und belästigen den schlafenden Zensor körperlich und geistig, indem sie in seine Sinnesorgane eindringen und ihn quälen. Die Geister repräsentieren verschiedene unterdrückte Ideen und Forderungen, wie die Liebe zum Volk, das Streben nach Glück, Kritik am Adel und die Forderung nach freiem Wort und Gleichheit der Rechte. Sie erinnern an das Jahr 1830, ein bedeutendes Jahr für revolutionäre Bewegungen in Europa. Die Rache der Geister führt dazu, dass der Zensor wahnsinnig wird und sich schließlich mit dem Orden, den er am nächsten Morgen erhalten hat, erhängt. Das Gedicht kritisiert die Zensur und die Unterdrückung von Gedanken und Ideen. Es zeigt die Konsequenzen der Zensur auf, die nicht nur die unterdrückten Gedanken, sondern auch den Zensor selbst zerstört. Die Ironie liegt darin, dass der Zensor, der die Gedanken unterdrückt hat, am Ende selbst zum Opfer seiner Taten wird und durch die Rache der Geister den Verstand verliert und Selbstmord begeht.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Die Wiederholung des 's'-Lautes in 'schlecht verbißenem Grimme' und 'Scepter und Knut'.
- Anapher
- Die Wiederholung von 'Sie seufzten tief, sie seufzten schwer' und 'wehe! wehe! wehe!' betont das Leid der Geister.
- Bildsprache
- Die detaillierten Beschreibungen der Geister und ihrer Handlungen schaffen lebendige Bilder.
- Enjambement
- Der Zeilenumbruch in 'Und: wehe! wehe! wehe! / Erscholl's in des Mörders Nähe' erzeugt einen fließenden Rhythmus.
- Hyperbel
- Die Beschreibung des Geistergewimmels als 'böse Geister-Gewimmel' und die Übertreibung ihrer Handlungen.
- Ironie
- Der Zensor erhält einen Orden, ist aber wahnsinnig geworden, was die Ironie der Situation unterstreicht.
- Kontrast
- Der Kontrast zwischen der nächtlichen Geistererscheinung und dem morgendlichen Orden des Zensors.
- Metapher
- Die 'ermordeten Gedanken' sind eine Metapher für unterdrückte oder zensierte Ideen.
- Parallelismus
- Die Zeilen 'Ich forderte das versprochene Glück' und 'Ich forderte keck das freie Wort!' zeigen eine parallele Struktur.
- Personifikation
- Die 'ermordeten Gedanken' werden als 'bleiche Geister' personifiziert, die aufstehen und sprechen.
- Reimschema
- Das Gedicht folgt einem regelmäßigen Reimschema, was die rhythmische Struktur verstärkt.
- Symbolik
- Der 'große, lange Orden' symbolisiert die Anerkennung durch das System, das er unterstützt hat.