Gegenseitige Bewirthung
1846Erst brachte seinem Schiller Goethe Das derb materiell Concrete: Das sollt′ ihm stärken Leib und Seele; Doch würgt′ es hart ihn in der Kehle, Was Niemand leichtlich wohl vermeidet, Wenn er die Krebs′ in Viertel schneidet.
Dann brachte Schiller das Abstracte, Auch das Verzwickte, das Vertrakte. Da schnitt nun Goethe viel Grimassen: Doch wußt′ er sich ein Herz zu faßen. Konnt′ es dem Gaumen nicht behagen, Verdaut′ er′s doch mit tapferm Magen.
So lebten sie, in solchem Handel, Friedlich beisammen ohne Wandel: Nie sah man zu der Welt Gedeihen Sich edle Geister so casteien. Laß, Publicum, dich′s nicht verdrießen! Du mußt die Qual nun mitgenießen.
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Interpretation
Das Gedicht "Gegenseitige Bewirthung" von August Wilhelm von Schlegel schildert auf humorvolle Weise den Austausch zwischen Goethe und Schiller. Goethe bietet Schiller etwas Konkretes und Materielles an, das ihm zwar schwerfällt zu verdauen, aber letztlich doch von ihm angenommen wird. Schiller wiederum präsentiert Goethe etwas Abstraktes und Kompliziertes, das Goethe zwar mit Grimassen quittiert, aber dennoch tapfer zu verdauen versucht. Die beiden Dichter leben in einem harmonischen Austausch, bei dem jeder dem anderen etwas anbietet, das für ihn selbst schwer zu schlucken ist. Dieses gegenseitige Geben und Nehmen wird als ein friedliches Miteinander beschrieben, das ohne Wandel besteht. Die Zeilen "Nie sah man zu der Welt Gedeihen / Sich edle Geister so casteien" unterstreichen die Besonderheit dieser Beziehung, die trotz der Unterschiede in ihren Werken und Persönlichkeiten besteht. Der letzte Vers richtet sich direkt an das Publikum und fordert es auf, die "Qual" des Lesens mitzuerleben. Dies kann als eine Anspielung darauf verstanden werden, dass die Werke beider Dichter nicht immer leicht verdaulich sind, aber dennoch genossen werden sollten. Das Gedicht vermittelt somit eine humorvolle und zugleich tiefgründige Einsicht in die Beziehung zwischen Goethe und Schiller sowie in die Natur ihrer Werke.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Schiller schneider
- Bildsprache
- Laß, Publicum, dich′s nicht verdrießen
- Ironie
- So lebten sie, in solchem Handel, Friedlich beisammen ohne Wandel
- Kontrast
- Erst brachte seinem Schiller Goethe... Dann brachte Schiller
- Metapher
- Das Abstracte, Auch das Verzwickte, das Vertrakte
- Personifikation
- Was Niemand leichtlich wohl vermeidet