Gegen Morgen

Ernst Stadler

1914

Tag will herauf. Nacht wehrt nicht mehr dem Licht.

O Morgenwinde, die den Geist in ungestüme Meere treiben!

Schon brechen Vorstadtbahnen fauchend in den Garten

Der Frühe. Bald sind Straßen, Brücken wieder von Gewühl und Lärmversperrt –

O jetzt ins Stille flüchten! Eng im Zug der Weiber, der sich übern Treppengang zur Messezerrt,

In Kirchenwinkel knien! O, alles von sich tun, und nur in Demut auf das Wunder der Verheißungwarten!

O Nacht der Kathedralen! Inbrunst eingelernter Kinderworte!

Gestammel unverstandner Litanein, indes die Seelen in die Sanftmut alter Heiligenbilderschauen . .

O Engelsgruß der Gnade . . ungenannt im Chor der Gläubigen stehn und harren,daß die Pforte

Aufspringe, und ein Schein uns kröne wie vom Haar von unsrer lieben Frauen.

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Illustration zu Gegen Morgen

Interpretation

Das Gedicht "Gegen Morgen" von Ernst Stadler beschreibt den Übergang von der Nacht zum Morgen und die damit einhergehenden Veränderungen in der Umgebung. Die Nacht wehrt sich nicht mehr gegen das Licht, und die Morgenwinde treiben den Geist in ungestüme Meere. Die Vorstadtbahnen brechen fauchend in den Garten der Frühe ein, und bald werden Straßen und Brücken wieder von Gewühl und Lärm erfüllt sein. Der Sprecher sehnt sich danach, in die Stille zu flüchten und sich in Demut auf das Wunder der Verheißung zu warten. Er schlägt vor, in Kirchenwinkeln zu knien und sich von allem zu trennen, um sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Die Nacht der Kathedralen wird als eine Zeit der Inbrunst und des Wartens auf das Wunder beschrieben. Die Seelen schauen in die Sanftmut alter Heiligenbilder, und der Engelsgruß der Gnade wird ungenannt im Chor der Gläubigen erwartet. Der Sprecher hofft darauf, dass sich die Pforte öffnet und ein Schein sie krönt wie vom Haar der lieben Frauen. Das Gedicht vermittelt eine Atmosphäre der Erwartung und der Sehnsucht nach spiritueller Erleuchtung und Erlösung.

Schlüsselwörter

nacht tag will herauf wehrt mehr licht morgenwinde

Wortwolke

Wortwolke zu Gegen Morgen

Stilmittel

Alliteration
Gestammel unverstandner Litanein
Apostrophe
O Morgenwinde, die den Geist in ungestüme Meere treiben!
Hyperbel
Schon brechen Vorstadtbahnen fauchend in den Garten
Kontrast
O jetzt ins Stille flüchten! Eng im Zug der Weiber, der sich übern Treppengang zur Messe zerrt,
Metapher
daß die Pforte Aufspringe, und ein Schein uns kröne wie vom Haar von unsrer lieben Frauen
Onomatopoesie
brechen Vorstadtbahnen fauchend in den Garten
Personifikation
Nacht wehrt nicht mehr dem Licht.