Gefühle
unknownKennen Sie das Gefühl: ‘déjà vu’ -? Sie gehen zum Beispiel morgens früh, auf der Reise, in einem fremden Ort von der kleinen Hotelterrasse fort, wo die andern alle noch Zeitungen lesen. Sie sind niemals in dem Dorf gewesen. Da gackert ein Huhn, da steht eine Leiter, und Sie fragen - denn Sie wissen nicht weiter - eine Bauersfrau mit riesiger Schute… Und plötzlich ist Ihnen so zumute - wie Erinnerung, die leise entschwebt -:
Das habe ich alles schon mal erlebt.
Kennen Sie das Hotelgefühl -? Sie sitzen zu Hause. Das Zimmer ist kühl. Der Tee ist warm. Die Reihen der Bücher schimmern matt. Das sind Ihre Leinentücher, Ihre Tassen, Ihre Kronen - Sie wissen genau, dass Sie hier wohnen. Da sind Ihre Kinder, Ihre Alte, die gute - Und plötzlich ist Ihnen so fremd zumute:
Das gehört ja alles gar nicht mir… Ich bin nur vorübergehend hier.
Kennen Sie… das ist schwer zu sagen. Nicht das Hungergefühl. Nicht den leeren Magen. Sie haben ja eben erst Frühstück gegessen. Sie dürfen arbeiten, für die Interessen des andern, um sich Brot zu kaufen und wieder ins Büro zu laufen. Hunger nicht. Aber ein tiefes Hungern nach allem, was schön ist: nicht immer so lungern - auch einmal ausschlafen - reisen können - sich auch einmal Überflüssiges gönnen. Nicht immer nur Tag-für-Tag-Arbeiter, ein bisschen mehr, ein bisschen weiter… Sein Auskommen haben, jahraus, jahrein…? Es ist alles eine Nummer zu klein. Hunger nach Farben, nach der Welt, die so weit - Kurz: das Gefühl der Popligkeit.
Eine alte, ewig böse Geschichte. Aber darüber macht man keine Gedichte.
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Interpretation
Das Gedicht "Gefühle" von Kurt Tucholsky behandelt verschiedene alltägliche Emotionen und Empfindungen, die oft als selbstverständlich oder banal abgetan werden. Tucholsky beginnt mit dem Gefühl des "déjà vu", einem mysteriösen Moment, in dem man sich an einen Ort versetzt fühlt, den man nie zuvor besucht hat. Dieses Gefühl wird als eine Art leise Erinnerung beschrieben, die einem entgleitet und einen verwirrt. Im zweiten Teil des Gedichts geht es um das "Hotelgefühl", das Gefühl der Fremdheit in den eigenen vier Wänden. Obwohl man sich in seiner vertrauten Umgebung befindet und weiß, dass es das eigene Zuhause ist, fühlt man sich plötzlich fremd und unwirklich. Tucholsky beschreibt dieses Gefühl als eine Art vorübergehende Entfremdung von der eigenen Identität und den eigenen Besitztümern. Der dritte Teil des Gedichts beschäftigt sich mit dem "Hungergefühl", das nicht physischer, sondern emotionaler Natur ist. Tucholsky beschreibt das tiefe Verlangen nach Schönheit, Freiheit und Selbstverwirklichung, das oft durch die alltäglichen Pflichten
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Tag-für-Tag-Arbeiter
- Anapher
- Kennen Sie das Gefühl: 'déjà vu' -? / Kennen Sie das Hotelgefühl -? / Kennen Sie... das ist schwer zu sagen.
- Bildlichkeit
- Das sind Ihre Leinentücher, / Ihre Tassen, Ihre Kronen -
- Enjambement
- Sie gehen zum Beispiel morgens früh, / auf der Reise, in einem fremden Ort / von der kleinen Hotelterrasse fort, / wo die andern alle noch Zeitungen lesen.
- Ironie
- Aber darüber macht man keine Gedichte.
- Kontrast
- Sie sind niemals in dem Dorf gewesen. / Da gackert ein Huhn, da steht eine Leiter, / und Sie fragen - denn Sie wissen nicht weiter - / eine Bauersfrau mit riesiger Schute...
- Metapher
- Und plötzlich ist Ihnen so zumute / - wie Erinnerung, die leise entschwebt -
- Parallelismus
- Ihre Tassen, Ihre Kronen - / Sie wissen genau, dass Sie hier wohnen. / Da sind Ihre Kinder, Ihre Alte, die gute - / Und plötzlich ist Ihnen so fremd zumute:
- Personifikation
- Hunger nicht. / Aber ein tiefes Hungern
- Rhetorische Frage
- Kennen Sie das Gefühl: 'déjà vu' -? / Kennen Sie das Hotelgefühl -?