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Gefangen

Von

Als einst in jenes Laubdachs Dunkelhelle
Voll Inbrunst meine Arme dich umschlangen,
Als Haupt an Haupt und Wang‘ an Wange drangen,
Du schlankes Reh, schwarzäugige Gazelle,

Da traf ein Mücklein auf die holde Stelle,
Und zwischen unsern angeschmiegten Wangen
Hat es in irrem Taumel sich gefangen,
Es surrt und zappelt, will entfliehen schnelle.

Nicht wahr, du Schelm, das hat dir nicht geträumet,
Es warte dein so wunderlich Verhängniß?
So bleibe nur und werde nicht so bange!

Ein wohnlich Häuslein ist dir eingeräumet,
Gelinde Haft, anmuthiges Gefängniß,
Das liebe Grübchen in der weichen Wange.

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Gedicht: Gefangen von Friedrich Theodor Vischer

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Gefangen“ von Friedrich Theodor Vischer beschreibt eine intime Szene, in der das lyrische Ich und eine geliebte Person, verglichen mit einer Gazelle, innig umschlungen sind. Im Zentrum steht ein kleines Mücklein, das sich unversehens in dieser Umarmung verirrt und gefangen wird. Die Verwendung des Wortes „gefangen“ im Titel und im Kontext der Mücke stellt eine interessante Doppelbödigkeit dar, da es sowohl die physische Gefangenschaft des Insekts als auch die metaphorische Gefangenschaft der Liebenden in ihren Emotionen andeutet.

Der Kontrast zwischen dem kleinen, fast unbedeutenden Mücklein und der ergreifenden Umarmung des Paares erzeugt eine humorvolle Ironie. Das Gedicht spielt mit der Gegenüberstellung von Groß und Klein, wobei das Mücklein, das sich in einem Moment der Leidenschaft verirrt, die eigentliche Gefangene wird. Der Dichter nutzt die Metapher des Insekts, um die Unkontrollierbarkeit und die Unvorhersehbarkeit der Liebe zu verdeutlichen. So wie das Mücklein in der Umarmung gefangen ist, so könnten auch die Liebenden in ihren Gefühlen und ihrer Hingabe gefangen sein.

Bemerkenswert ist die überraschende Wendung am Ende, in der die Gefangenschaft des Mückleins positiv bewertet wird. Das „wohnlich Häuslein“ und das „anmuthiges Gefängniß“ in der weichen Wange implizieren, dass die Gefangenschaft in der Liebe etwas Angenehmes und Schönes sein kann. Die Verwendung von Adjektiven wie „gelinde“ und „anmuthig“ mildert die negative Konnotation des Wortes „Gefängnis“. Stattdessen wird ein Gefühl der Geborgenheit und des Vergnügens vermittelt, das die Liebe und ihre Fesseln umschließt. Das „liebe Grübchen“ der Wange wird zum ultimativen Zufluchtsort des Mückleins.

Insgesamt ist das Gedicht eine charmante und verspielte Betrachtung der Liebe und der damit verbundenen Gefühle der Hingabe und des Gefangenseins. Vischer nutzt die Metapher des Mückleins, um auf spielerische Weise die Vielschichtigkeit der menschlichen Emotionen und die oft ambivalente Natur des Verliebtseins zu beleuchten. Es feiert sowohl die Leidenschaft als auch die Geborgenheit, die in einer tiefen Liebesbeziehung gefunden werden können, und deutet an, dass die „Gefangenschaft“ in der Liebe oft eine Quelle des Trostes und der Freude sein kann.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.