Geduld

Christian Friedrich Daniel Schubart

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O die Huld Des Himmels groß erzogen! Geduld! Geduld! Wo bist du hingeflogen? Hat Gott dich nicht geschmückt Mit Glanz der Welt geschickt?

Die Menschheit schrie Hinauf vom Staub der Erde. Gott hörte sie; Mitleidig sprach er: Werde! Geduld! Geduld! Du stiegst Aus einer Wolk′ und schwiegst.

Die Hoffnung war Zugleich mit dir erschienen: Du Zwillingspaar, Sprach Gott mit Vatermienen, Fleuch nun mit milderm Strahl Hinab ins Gräberthal.

Du sahst die Welt Geschaffen zum Vergnügen, Nun öd, verstellt, In Nächten vor dir liegen Und eine Thräne floß Herab in deinen Schooß.

Als Adam stand Auf dem verfluchten Boden, Und Eva fand Im Blut den ersten Todten, Da kamst du ungesehn, Den Armen beizustehn!

Wenn Noah schwimmt Auf ausgelaßnen Meeren, Hört Gott ergrimmt Die Welt um ihn zerstören; Geduld! so girrst ihm du Aus einem Täublein zu!

Wenn Abram, voll Des väterlichsten Schmerzens, Nun opfern soll Den Liebling seines Herzens, So minderst du die Qual, Und Hoffnung führt den Stahl -

Dir, Jacob, sind Lastjahre leicht, wie Tage; Das Himmelskind, Geduld, versüßt die Plage; Sie lächelt dir, und schaut Aus Rahel deiner Braut.

Ein Joseph war Getrost in Grab und Kerker; Denn unsichtbar Macht die Geduld ihn stärker. Sie stellt ihn nach dem Hohn Nah an des Königs Thron.

Wer? Hiob! wer Half dir die Schrecken tragen, Als um dich her Die Wetter Gottes lagen? Wer war′s als die Geduld, Gesandt von Gottes Huld?

Wenn Juda fühlt Die heiße Last der Zügel, Geduld! Geduld! so kühlt Das arme Volk dein Flügel. Nun harrt der Müde gern Auf Hülfe von dem Herrn.

Geduld! Warst du Nicht in der lichten Wolke Und sandtest Ruh′ Herab dem müden Volke, Ermannte Moses sich In Wüsten nicht durch dich?

Du hörtest sie, Die Gotterwählten Seelen, Sie konnten nie Auf dunkeln Pfaden fehlen. Du selbsten machtest Bahn Bis hin nach Kanaan.

Wenn David muß Dem Spieße Sauls entfliehen, Mit wundem Fuß Durch Wüstenelen ziehen, So zeigt Geduld ihm schon Den künft′ gen Herrscherthron.

Manasse heult, Ihn drücken schwere Bande; Jedoch es eilt Zu ihm die Gottgesandte; Und nun empfindet er Der Fesseln Last nicht mehr.

In Babylon Was musste Juda leiden? Der Harfe Ton Hing stumm an dürren Weiden. Geduld! Du kamst; nun klang Dem Volk dein Lobgesang.

Er, den der Zorn Des Richters für uns schreckte, Als ihm der Dorn Die heiligen Schläfe deckte, Das Opfer unsrer Schuld, War er nicht ganz Geduld?

Ihr Märtyrer! Wer tröstet euch in Fesseln? Wer stärkt euch, wer, In ölgefüllten Kesseln? Wer gab euch hohen Trost Am Kreuz und auf dem Rost?

Der Engel wies Euch mit dem goldnen Stabe Das Paradies Mit jeder Gottesgabe, Ihr saht′s - und nicht vor Schmerz, Vor Wonn′ brach euch das Herz.

Wenn Armuth muß Auf faulem Stroh verderben, Wie Lazarus, Beleckt von Hunden sterben; Geduld! so trägst sie du Im Schooß der Füll′ und Ruh′.

Wenn Feindeswuth Uns packt mit Tiegerklauen, Daß heiß wie Blut Die Thränen uns bethauen; So spricht Geduld: Sey still, Bis Gott dich retten will!

Und muß der Christ Mit Furcht und Zweifel ringen, Sieht er den Zwist Die Höllenfackel schwingen, So kommt Geduld und zeigt Ihm jene Welt. Er schweigt.

Wenn Hagel fällt Wie Glas aus schwarzen Wettern Das Aehrenfeld Des Landmanns zu zerschmettern, So denkt der Ackersmann Geduld! Gott hat′s gethan!

Und muß der Fleiß Den schweren Hammer heben, Und seinen Schweiß Oft faulen Krämern geben; Geduld! kühlst du dann nicht Sein träufelndes Gesicht?

Wenn schrecklich stumm Uns Kerkernächte wirren, Um uns herum Die Eisenfesseln klirren; So gräbt Geduld in Stein Die Jammernächte ein.

Bedeckt dich hier Der Flügel gift′ger Seuchen, Hörst du aus dir Die faule Lunge keuchen: Die Hand nur auf den Mund, Geduld macht dich gesund.

Siehst du den Tod Mit hohlem Schädel winken, Und wirst bedroht Durch seiner Sense Blinken: Geduld, Geduld spricht dir Den letzten Seufzer für.

Du Himmelslicht Leucht auch in meine Seele; Verlaß mich nicht In meiner Kerkerhöhle; Du Strahl von Gottes Huld! O himmlische Geduld!

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Illustration zu Geduld

Interpretation

Das Gedicht "Geduld" von Christian Friedrich Daniel Schubart ist eine tiefgründige Reflexion über die Bedeutung und den Wert der Geduld in verschiedenen Lebenssituationen und historischen Kontexten. Schubart personifiziert die Geduld als eine göttliche Kraft, die den Menschen in Zeiten der Not und des Leids beisteht und ihnen Kraft und Hoffnung gibt. Das Gedicht beginnt mit einer Anrufung der Geduld, die als himmlische Tugend beschrieben wird, die jedoch in der modernen Welt verloren gegangen zu sein scheint. Schubart führt dann durch verschiedene biblische und historische Beispiele, in denen die Geduld eine zentrale Rolle spielt. Von Adam und Eva über Noah, Abraham, Jakob, Joseph, Hiob, David, Manasse bis hin zu den Märtyrern und Lazarus, zeigt der Dichter auf, wie die Geduld in unterschiedlichen Situationen als tröstende und stärkende Kraft wirkt. Schubart betont, dass die Geduld nicht nur in außergewöhnlichen oder biblischen Situationen wichtig ist, sondern auch im alltäglichen Leben eine entscheidende Rolle spielt. Er erwähnt den Bauern, der Geduld haben muss, wenn sein Feld vom Hagel zerstört wird, den Handwerker, der oft von faulen Krämern ausgebeutet wird, und den Gefangenen, der in den dunklen Kerkern leidet. In all diesen Situationen ist die Geduld der Schlüssel, um die Widrigkeiten des Lebens zu ertragen und Hoffnung zu bewahren. Das Gedicht endet mit einer persönlichen Bitte des Dichters, dass die himmlische Geduld auch in seine eigene Seele leuchten möge, besonders in seiner "Kerkerhöhle". Dies deutet darauf hin, dass Schubart selbst in einer schwierigen Situation war, möglicherweise inhaftiert, und die Geduld als Quelle des Trostes und der Stärke suchte. Insgesamt ist das Gedicht eine Hommage an die Geduld als göttliche Tugend, die den Menschen in allen Lebenslagen beisteht und ihnen hilft, die Herausforderungen des Lebens zu meistern.

Schlüsselwörter

geduld gott welt muß huld gottes sprach hoffnung

Wortwolke

Wortwolke zu Geduld

Stilmittel

Anapher
Geduld! Geduld! Wo bist du hingeflogen?
Hyperbel
Die Menschheit schrie hinauf vom Staub der Erde
Metapher
O himmlische Geduld!
Personifikation
Die Hoffnung war zugleich mit dir erschienen