Gedicht und Sinn

Friedrich Theodor Vischer

1888

Du hoffst von der Dichtung Lust und Behagen Und pflegst nach dem Sinn erst lange zu fragen? Laß dem innern Auge das Bild sich zeigen, So wird auch der Sinn von selber dir eigen; Erspar’ dir, Guter, die Mühe; der Sinn, Er ist nicht dahinter, er ist darin.

Ein Kunstfreund, dem ein Gemälde man brächte: Wie wär’s, wenn er so an den Sinn nur dächte, Daß er’s nähme, die Rückwand vorwärts drehte Und auf dem Brett, auf der Pappe spähte, Ob nirgends darauf eine Glosse steh’, Woraus er des Bildes Sinn erseh'?

Fragst du nach der Dinge Begriff und Wesen, Greife nach Büchern, leg’ dich auf’s Lesen, Und hast du gelesen, so magst du fragen: Wie hab’ ich den Geistgewinn anzuschlagen? Kannst du nicht schauen, so ist die Kunst, Gesteh’ es nur immer, dir eitel Dunst.

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Illustration zu Gedicht und Sinn

Interpretation

Das Gedicht "Gedicht und Sinn" von Friedrich Theodor Vischer kritisiert den analytischen Zugang zur Kunst, der den unmittelbaren Genuss und die sinnliche Wahrnehmung vernachlässigt. Der Sprecher fordert den Leser auf, sich nicht zu sehr auf die Suche nach dem "Sinn" zu konzentrieren, sondern stattdessen das Bild oder die Dichtung direkt auf sich wirken zu lassen. Der Sinn soll sich von selbst erschließen, wenn man sich dem Werk mit einem offenen inneren Auge nähert. In der zweiten Strophe verwendet Vischer ein Gleichnis, um seinen Standpunkt zu verdeutlichen. Er vergleicht den Kunstfreund, der ein Gemälde erhalten hat, mit jemandem, der das Bild umdrehen und nach einer Erläuterung auf der Rückseite suchen möchte. Dieses Verhalten wird als absurd dargestellt, da es den eigentlichen Zweck der Kunst verfehlt. Der Sinn eines Kunstwerks liegt nicht in einer erklärenden Glosse, sondern in dem Werk selbst. Die letzte Strophe unterstreicht die Botschaft des Gedichts, indem sie den Unterschied zwischen dem Streben nach Wissen und dem Erleben von Kunst hervorhebt. Während man nach Büchern greifen und lesen kann, um den Begriff und das Wesen der Dinge zu verstehen, erfordert die Kunst eine andere Herangehensweise. Wenn man die Kunst nicht mit dem Herzen und den Sinnen erfassen kann, bleibt sie für den Betrachter letztlich nur ein "eitles Dunst". Das Gedicht plädiert also für eine unmittelbare, intuitive Auseinandersetzung mit der Kunst, die über das rein Intellektuelle hinausgeht.

Schlüsselwörter

sinn fragen hoffst dichtung lust behagen pflegst erst

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Stilmittel

Alliteration
die Rückwand vorwärts drehte
Hyperbel
Woraus er des Bildes Sinn erseh'
Metapher
die Kunst, dir eitel Dunst
Personifikation
Er ist nicht dahinter, er ist darin
Vergleich
Wie wär's, wenn er so an den Sinn nur dächte