Gedanken über der Zeit
1640Ihr lebet in der Zeit und kennt doch keine Zeit; so wißt, ihr Menschen, nicht von und in was ihr seid. Diß wißt ihr, daß ihr seid in einer Zeit geboren und daß ihr werdet auch in einer Zeit verloren. Was aber war die Zeit, die euch in sich gebracht? Und was wird diese sein, die euch zu nichts mehr macht? Die Zeit ist was und nichts, der Mensch in gleichem Falle, doch was dasselbe was und nichts sei, zweifeln alle. Die Zeit, die stirbt in sich und zeugt sich auch aus sich. Diß kömmt aus mir und dir, von dem du bist und ich. Der Mensch ist in der Zeit; sie ist in ihm ingleichen, doch aber muß der Mensch, wenn sie noch bleibet, weichen. Die Zeit ist, was ihr seid, und ihr seid, was die Zeit, nur daß ihr wenger noch, als was die Zeit ist, seid. Ach daß doch jene Zeit, die ohne Zeit ist, käme und uns aus dieser Zeit in ihre Zeiten nähme, und aus uns selbsten uns, daß wir gleich könten sein, wie der itzt jener Zeit, die keine Zeit geht ein!
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Interpretation
Das Gedicht "Gedanken über der Zeit" von Paul Fleming reflektiert über die Natur der Zeit und die menschliche Existenz. Der Dichter betont, dass die Menschen in der Zeit leben, aber ihre wahre Natur nicht kennen. Er hebt hervor, dass das Leben in der Zeit begrenzt ist, da Menschen in einer bestimmten Zeit geboren werden und in einer anderen Zeit vergehen. Die Zeit selbst wird als etwas beschrieben, das sowohl "was" als auch "nichts" ist, was auf ihre vergängliche und ungreifbare Natur hinweist. Der Mensch befindet sich in einer ähnlichen Lage, da auch er "was" und "nichts" ist, was die Unsicherheit und das Rätsel der menschlichen Existenz unterstreicht. Fleming vertieft die Idee, dass die Zeit in sich selbst stirbt und sich aus sich selbst erneuert. Dieses zyklische Konzept der Zeit wird mit dem menschlichen Leben verglichen, das ebenfalls von Anfang bis Ende einen Kreislauf durchläuft. Der Dichter stellt fest, dass die Zeit in den Menschen ebenso existiert wie die Menschen in der Zeit, aber letztendlich müssen die Menschen der Zeit weichen. Dies unterstreicht die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens im Vergleich zur Kontinuität der Zeit. Im letzten Teil des Gedichts drückt Fleming den Wunsch nach einer Zeit aus, die jenseits der gewöhnlichen Zeit existiert. Er sehnt sich nach einer Transzendenz, in der die Menschen aus der gewöhnlichen Zeit herausgehoben und in eine ewige, zeitlose Existenz überführt werden. Dieses Verlangen nach Unsterblichkeit und ewiger Existenz ist ein zentrales Thema des Gedichts und spiegelt die menschliche Sehnsucht nach etwas Größerem und Unvergänglichem wider.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- so wißt, ihr Menschen, nicht von und in was ihr seid
- Gegensatz
- Die Zeit, die stirbt in sich und zeugt sich auch aus sich
- Hyperbel
- Ach daß doch jene Zeit, die ohne Zeit ist, käme
- Metapher
- Ihr lebet in der Zeit und kennt doch keine Zeit
- Paradox
- Die Zeit ist was und nichts, der Mensch in gleichem Falle
- Parallelismus
- Der Mensch ist in der Zeit; sie ist in ihm ingleichen
- Rhetorische Frage
- Was aber war die Zeit, die euch in sich gebracht?
- Wiederholung
- Diß wißt ihr, daß ihr seid in einer Zeit geboren und daß ihr werdet auch in einer Zeit verloren