Geburtstagsgruß
1910Heut war dein Todestag. Ich konnt nicht beten, ich konnt nicht weinen; müde schwieg mein Herz. Zur Nachtzeit war ich in den Wald getreten; starr lag er da, wie eine Welt von Erz.
Schläfst du denn, Leben? Will sich gar nichts regen? Mich dünkt, ich selber wär vor Leid versteint. Es meidet mich der Thränen linder Segen, und dieser Nacht bleibt selbst ihr Thau verneint.
So still, so ernst, so bleiern! Mitternacht! Wohin hat sich das Leben denn verkrochen? Als ob der Tod mit seiner schwarzen Pracht erdrückt des Erdenherzschlags lautes Pochen.
Da … nein, das .. ist … o Gott, das ist ja Traum, das muß ja Traum sein, denn die Wirklichkeit erdichtet solche Wunderthaten kaum …
Ein Vogel singt, um Mitternacht! .. ganz leise, als flüstern liebe Lippen, singt er; schauernd beugt sich mein Knie der wunderbaren Weise.
Das ist kein Vogel, was da oben singt, das ist die fleischgewordene Erbarmung der ewigen Liebe, die den Tod bezwingt und Starres weckt zu seliger Erwarmung.
Und plötzlich dünkt der Wald mich ganz erhellt, in weißen Kränzen seh ich Wesen gleiten, die lichten Söhne einer andern Welt, die nach der Schwester ihre Arme breiten.
Heut ist dein Todestag! Nun kann ich beten, nun kann ich weinen … Freudenthränen weinen …
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Interpretation
Das Gedicht "Geburtstagsgruß" von Maria Janitschek handelt von einem Menschen, der am Todestag eines geliebten Menschen im Wald Trost sucht und zunächst nur Trauer und Starre empfindet. Doch plötzlich erklingt ein Vogelsang zur Mitternacht, der den Sprecher tief berührt und ihm wie ein Wunder erscheint. In den folgenden Strophen deutet der Sprecher den Gesang als Fleischwerdung ewiger Liebe, die den Tod bezwingt und Starres erweckt. Der Wald erscheint ihm plötzlich erhellt von weiß gekleideten Wesen, die wie "lichte Söhne einer andern Welt" den Armen nach der Verstorbenen ausstrecken. Am Ende des Gedichts hat der Sprecher durch das Wunder des Vogelgesangs einen Sinneswandel erfahren. Nun kann er wieder beten und weinen, allerdings nicht mehr aus Trauer, sondern aus Freude über die vermeintliche Auferstehung der Toten. Das Gedicht endet mit der Feststellung, dass nun, da der geliebte Mensch "auferstanden" ist, der Todestag zugleich als Geburtstag gefeiert werden kann.
Schlüsselwörter
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Stilmittel
- Metapher
- Heut ist dein Todestag! Nun kann ich beten, nun kann ich weinen ... Freudenthränen weinen ...
- Personifikation
- Als ob der Tod mit seiner schwarzen Pracht erdrückt des Erdenherzschlags lautes Pochen.