Geburtsnacht-Traum

Friedrich Hebbel

1863

Ich durfte über Nacht im Traum Ein seltsam Fest begehen, Ich habe meine Väter all Um mich vereint gesehen.

Mein Vater führte stumm den Zug, Er lächelte hinüber, Dann aber wandte er sich ab, Ihm ward das Auge trüber.

Es war der letzte, welcher starb, Noch hatt′ er all die Milde; Der Himmel hatte nichts verschönt An seinem teuren Bilde.

Großvater nahte nun heran, Der mich zu wiegen pflegte, Eh′, wie er mich, ihn selbst der Tod Ins stille Bette legte.

Ich habe ihn sogleich erkannt, Als hätte, wie die Nische Den Heiligen, mein Herz sein Bild Bewahrt in voller Frische.

Sein Auge weilte, wie erstaunt, Auf mir und schien zu fragen: Bist du dasselbe kleine Kind, Das einst mein Arm getragen?

Großmutter auch, sie nahte sich, Die mildeste der Frauen; Auf meinen Vater schien sie bald Und bald auf mich zu schauen.

Und als sie fand, daß ich ihm glich, Ging in den bleichen Zügen, Als wär′s ein neues Leben, auf Das innigste Vergnügen.

Nun trat ein ernster Mann herzu, Den ich nicht mehr erkannte, Doch sah ich, daß er freundlich sich Zu meinem Vater wandte.

Und immer größer ward die Schar Von Männern, welche kamen, Und stets durchzuckte mir′s die Brust: Du bist von ihrem Samen!

Auch zarte Frauen nahten viel In Trachten, fremd und eigen; Ein schlummerndes Jahrhundert schien Mit jeder aufzusteigen.

Die sanften Augen waren all So süß auf mich geheftet, Doch war der lächelnd holde Mund Zur Rede zu entkräftet.

Vom Turme schlug es, dumpf und bang, Sie schieden mit Getümmel; Die Männer deuteten aufs Grab, Die Frauen auf den Himmel.

Das war die Stund′, die mich gebar; Nun frag′ ich mich mit Beben: Ob sich das Leben und der Tod Im Grabe noch verweben?

Ob, die sich regt in meiner Brust, Die ungestüme Flamme, Die Toten noch im Schlummer stört, Aus deren Blut ich stamme?

Ob sie mir blaß zur Seite gehn, Unmächtig, zu erscheinen, Und lächeln, wenn ich glücklich bin, Und wenn ich′s nicht bin, weinen?

Und ob ich selbst dereinst mein Kind, Statt ruhig auszuschlafen, Durch Nacht und Sturm begleiten muß Bis an den letzten Hafen?

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Illustration zu Geburtsnacht-Traum

Interpretation

Das Gedicht "Geburtsnacht-Traum" von Friedrich Hebbel schildert einen Traum, in dem der Ich-Erzähler an seinem Geburtstag eine Vision seiner Vorfahren erlebt. Im Traum erscheinen ihm seine Ahnen, darunter sein Vater, seine Großeltern und weitere männliche und weibliche Vorfahren, die sich um ihn versammeln. Die Begegnung mit den Verstorbenen ist von einer Mischung aus Freude, Melancholie und Nachdenklichkeit geprägt. Der Erzähler fühlt eine tiefe Verbindung zu seinen Vorfahren, erkennt sie und spürt ihre Verbundenheit zu ihm. Die Vision endet mit dem Schlag einer Glocke, der die Ahnen auseinander treibt. Der Erzähler bleibt mit Fragen zurück, ob die Toten noch Einfluss auf das Leben der Lebenden haben und ob er selbst dereinst seinen Nachkommen auf ähnliche Weise begegnen wird. Die Begegnung mit den Vorfahren im Traum symbolisiert die tiefe Verbundenheit des Erzählers mit seiner Herkunft und seinen Ahnen. Die Vision ermöglicht ihm eine intensive Auseinandersetzung mit seiner eigenen Identität und seiner Stellung in der Familie. Die gemischten Gefühle von Freude und Melancholie spiegeln die Ambivalenz des Lebens wider, das sowohl von Glück als auch von Leid geprägt ist. Die Frage nach dem Einfluss der Toten auf die Lebenden deutet auf den Glauben an eine transzendente Verbindung zwischen den Generationen hin. Das Gedicht endet mit der Frage, ob der Erzähler selbst dereinst seinen Nachkommen auf ähnliche Weise begegnen wird. Diese Frage wirft die Möglichkeit auf, dass der Erzähler selbst zum Vorfahren wird und dass seine Nachkommen ihn eines Tages in einem Traum oder einer Vision sehen werden. Dies unterstreicht die Kontinuität des Lebens und die Verbundenheit der Generationen über den Tod hinaus. Das Gedicht regt zum Nachdenken über die eigene Herkunft, die eigene Identität und die eigene Rolle in der Familie an.

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Stilmittel

Metapher
Die ungestüme Flamme
Personifikation
Der Himmel hatte nichts verschönt An seinem teuren Bilde
Rhetorische Frage
Und ob ich selbst dereinst mein Kind, Statt ruhig auszuschlafen, Durch Nacht und Sturm begleiten muß Bis an den letzten Hafen?