Gebet nach dem Schlachten

Kurt Tucholsky

1912

Kopf ab zum Gebet!

Herrgott! Wir alten vermoderten Knochen sind aus den Kalkgräbern noch einmal hervorgekrochen. Wir treten zum Beten vor dich und bleiben nicht stumm. Und fragen dich, Gott: Warum -?

Warum haben wir unser rotes Herzblut dahingegeben? Bei unserm Kaiser blieben alle sechs am Leben. Wir haben einmal geglaubt… Wir waren schön dumm…! Uns haben sie besoffen gemacht… Warum -?

Einer hat noch sechs Monate im Lazarett geschrieen. Erst das Dörrgemüse und zwei Stabsärzte erledigten ihn. Einer wurde blind und nahm heimlich Opium. Drei von uns haben zusammen nur einen Arm… Warum -?

Wir haben Glauben, Krieg, Leben und alles verloren. Uns trieben sie hinein wie im Kino die Gladiatoren. Wir hatten das allerbeste Publikum. Das starb aber nicht mit… Warum -? Warum -?

Herrgott! Wenn du wirklich der bist, als den wir dich lernten: Steig herunter von deinem Himmel, dem besternten! Fahr hernieder oder schick deinen Sohn! Reiß ab die Fahnen, die Helme, die Ordensdekoration! Verkünde den Staaten der Erde, wie wir gelitten, wie uns Hunger, Läuse, Schrapnells und Lügen den Leib zerschnitten! Feldprediger haben uns in deinem Namen zu Grabe getragen. Erkläre, dass sie gelogen haben! Lässt du dir das sagen? Jag uns zurück in unsre Gräber, aber antworte zuvor! Soweit wir das noch können, knien wir vor dir - aber leih uns dein Ohr! Wenn unser Sterben nicht völlig sinnlos war, verhüte wie 1914 ein Jahr! Sag es den Menschen! Treib sie zur Desertion! Wir stehen vor dir: ein Totenbataillon. Dies blieb uns: zu dir kommen und beten! Weggetreten!

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Illustration zu Gebet nach dem Schlachten

Interpretation

Das Gedicht "Gebet nach dem Schlachten" von Kurt Tucholsky ist eine kraftvolle und bittere Kritik am Ersten Weltkrieg und an der Rolle der Kirche in diesem Konflikt. Es schildert die Erfahrungen von Soldaten, die aus ihren Gräbern auferstehen, um Gott für die Sinnlosigkeit ihres Todes und Leidens zur Rechenschaft zu ziehen. Das Gedicht beginnt mit einem schockierenden Bild: Die Soldaten, beschrieben als "alte vermoderte Knochen", steigen aus ihren "Kalkgräbern" empor, um zu beten. Sie stellen Gott die Frage "Warum?", die sich durch das gesamte Gedicht zieht. Die Soldaten fragen sich, warum sie ihr Leben für einen Krieg geopfert haben, der für ihre Kaiser und Generäle keinen Preis hatte. Sie werfen den Machthabern vor, sie betrunken und manipuliert zu haben, um sie in den Krieg zu schicken. Die Soldaten berichten von den schrecklichen Erfahrungen, die sie im Krieg gemacht haben: Einer schrie sechs Monate im Lazarett, ein anderer wurde blind und nahm Opium, und drei von ihnen haben nur noch einen Arm. Sie fühlen sich wie Gladiatoren im Kino, die für das Vergnügen des Publikums sterben, während die Zuschauer zu Hause bleiben und überleben. Im letzten Teil des Gedichts wenden sich die Soldaten direkt an Gott. Sie fordern ihn auf, vom Himmel herabzusteigen und die Wahrheit über den Krieg zu verkünden. Sie verlangen, dass er die Lügen der Feldprediger aufdeckt und die Menschen zur Desertion aufruft. Das Gedicht endet mit einem starken Bild: Die Soldaten, die als "Totenbataillon" vor Gott stehen, beten, aber auch fordern, dass er ihnen zuhört und handelt. Insgesamt ist "Gebet nach dem Schlachten" ein eindringliches und wütendes Gedicht, das die Sinnlosigkeit des Krieges und die Mitschuld der Kirche daran anprangert. Tucholsky nutzt die Stimme der Toten, um die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen und die Menschheit vor weiteren Kriegen zu warnen.

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Stilmittel

Anapher
Warum -?
Apostrophe
Herrgott! Wir alten vermoderten Knochen sind aus den Kalkgräbern noch einmal hervorgekrochen.
Hyperbel
Herrgott! Wenn du wirklich der bist, als den wir dich lernten: Steig herunter von deinem Himmel, dem besternten!
Metapher
Ein Totenbataillon.
Personifikation
Herrgott! Wir alten vermoderten Knochen sind aus den Kalkgräbern noch einmal hervorgekrochen.
Rhetorische Frage
Warum haben wir unser rotes Herzblut dahingegeben?
Symbolik
Feldprediger haben uns in deinem Namen zu Grabe getragen.
Vergleich
Uns trieben sie hinein wie im Kino die Gladiatoren.