Gebet

Oskar Jerschke

1885

Mein Geschick ruht ganz in Deinen Händen, Sternenherrscher, und nach Deinem Wink Wird die Nacht mein lichtes Leben enden Und sich schließen meiner Tage Ring.

Aber gnädig wandelst Du Dein Wollen, Deinen Rathschluß: wenn ein heiß Gebet Aus dem glaubenssel′gen inbrunstvollen Menschenherzen zu Dir aufwärts fleht. Und so bitt ich heut mit heiligem Werben Laß mich, Vater, nicht im Frühling sterben.

Wenn der Wiesen bunte Blumen blinken, Falter gaukeln in der lauen Luft, Frei des Waldbachs helle Wellen winken Und die Forstung trinkt den Maienduft, Im Gelaub sich froh die Finken wiegen, Drosseln schlagen, Lerchen jubelnd fliegen.

Ach, dann strahlt die Welt, die lenzgeküßte, Wunderherrlich wie ein Paradies, Das ich trauern nur und weinen müßte, Wenn das Schicksal mich daraus verstieß, Und ich könnte noch im letzten Ringen, Welt, zu Dir die Liebe nicht bezwingen.

Laß mein müdes Auge sich umflirren, Wenn der Winter durch die Tannen saust Und der wilde Forstwind durch die dürren, Blätterlosen Buchenwipfel braust, Eisige Wolken sich am Himmel ballen Und in Schnee und Hagel niederfallen.

Gern und freudig werd′ ich Deinem Winken Dann mich weihen und mit voller Brust Meines Daseins letzten Athem trinken, Jener sel′gen Hoffnung froh bewußt: Daß ich aus der Erde Winterwehe In den ew′gen Sternenfrühling gehe.

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Illustration zu Gebet

Interpretation

Das Gedicht "Gebet" von Oskar Jerschke ist ein lyrisches Werk, das die Sehnsucht des lyrischen Ichs nach einem friedlichen Tod im Einklang mit der Natur zum Ausdruck bringt. Das Gedicht ist in vier Strophen gegliedert und folgt einem regelmäßigen Reimschema. In der ersten Strophe wendet sich das lyrische Ich direkt an eine höhere Macht, den "Sternenherrscher", und erkennt dessen Kontrolle über das eigene Schicksal an. Das lyrische Ich bittet darum, nicht im Frühling sterben zu müssen, da dies zu schmerzhaft wäre. Die zweite Strophe beschreibt die Schönheit des Frühlings und die Freude, die in der Natur herrscht. Das lyrische Ich fürchtet, dass es, wenn es in dieser Zeit sterben müsste, die Welt nicht mehr lieben könnte. In der dritten Strophe malt das lyrische Ich ein Bild vom Winter, mit seinen kalten Winden und fallendem Schnee und Hagel. Hier drückt es die Bereitschaft aus, im Winter zu sterben, da es dann bereitwillig dem "Winken" der höheren Macht folgen würde. Die letzte Strophe schließt das Gedicht mit der Hoffnung ab, dass der Tod im Winter den Übergang in einen "ewigen Sternenfrühling" bedeuten würde. Das lyrische Ich ist bereit, im Einklang mit der Natur und in der Hoffnung auf ein ewiges Leben zu sterben.

Schlüsselwörter

gen laß winken froh welt letzten geschick ruht

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Stilmittel

Anapher
Dein Wollen, Deinen Rathschluß
Hyperbel
heiligem Werben
Metapher
ew′gen Sternenfrühling
Personifikation
Eisige Wolken sich am Himmel ballen