Geben
1883Ihr gebt nur wenig, wenn ihr von eurem Besitz gebt. Erst wenn ihr von euch selber gebt, gebt ihr wahrhaft.
Denn was ist euer Besitz anderes als etwas, das ihr bewahrt und bewacht aus Angst, daß ihr es morgen brauchen könntet? Und morgen, was wird das Morgen dem übervorsichtigen Hund bringen, der Knochen im spurlosen Sand vergräbt, wenn er den Pilgern zur heiligen Stadt folgt?
Und was ist die Angst vor der Not anderes als Not? Ist nicht Angst vor Durst, wenn der Brunnen voll ist, der Durst, der unlöschbar ist?
Es gibt jene, die von dem Vielen, das sie haben, wenig geben - und sie geben um der Anerkennung willen, und ihr verborgener Wunsch verdirbt ihre Gaben.
Und es gibt jene, die wenig haben und alles geben. Das sind die, die an das Leben und die Fülle des Lebens glauben, und ihr Beutel ist nie leer.
Es gibt jene, die mit Freude geben, und die Freude ist ihr Lohn.
Es gibt jene, die mit Schmerzen geben, und der Schmerz ist ihr Taufe.
Und es gibt jene, die geben und keinen Schmerz beim Geben kennen; weder suchen sie Freude dabei, noch geben sie um der Tugend willen; Sie geben, wie im Tal dort drüben die Myrte ihren Duft verströmt. Durch ihr Hände spricht das Gute, und aus ihren Augen lächelt es auf die Erde.
Es ist gut zu geben, wenn man gebeten wird, aber besser ist es, wenn man ungebeten gibt, aus Verständnis;
Und für den Freigebigen ist die Suche nach einem, der empfangen soll, eine größere Freude als das Geben.
Und gibt es etwas, das ihr zurückhalten werdet?
Alles, was ihr habt, wird eines Tages gegeben werden; daher gebt jetzt, daß die Zeit des Gebens eure ist und nicht die eurer Erben.
Ihr sagt oft: “Ich würde geben, aber nur dem, der es verdient:” Die Bäume in eurem Obstgarten reden nicht so, und auch nicht die Herden auf euren Weiden.
Sie geben, damit sie leben dürfen, denn zurückhalten heißt zugrunde gehen. Sicher ist der, der würdig ist, seine Tage und Nächte zu erhalten, auch alles andere von euch würdig.
Und der, der verdient hat, vom Meer des Lebens zu trinken, verdient auch, seinen Becher aus eurem Bach zu füllen.
Und welcher Verdienst wäre größer als der Mut und das Vertrauen, ja auch die Nächstenliebe, die im Empfangen liegt?
Und wer seid ihr, daß die Menschen sich die Brust zerreißen und ihren Stolz entschleiern sollten, damit ihr ihren Wert nackt und ihren Stolz entblößt seht? Seht erst zu, daß ihr selber verdient, ein Gebender und ein Werkzeug des Gebens zu sein.
Denn in Wahrheit ist es das Leben, das dem Leben gibt , während ihr, die ihr euch als Gebende fühlt, nichts anderes sei als Zeugen.
Und ihr, die ihr empfangt - und ihr seid alle Empfangende -, bürdet euch nicht die Last der Dankbarkeit auf, damit ihr nicht euch und dem Gebenden ein Joch auferlegt.
Steigt lieber zusammen mit dem Gebenden auf seinen Gaben empor wie auf Flügeln;
Denn seid ihr euch eurer Schuld zu sehr bewußt, heißt das, die Freigebigkeit desjenigen zu bezweifeln, der die großherzige Erde zur Mutter und Gott zum Vater hat.
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Interpretation
Das Gedicht "Geben" von Khalil Gibran ist eine tiefgründige Betrachtung über die wahre Natur des Gebens und die damit verbundenen Einstellungen und Motivationen. Gibran betont, dass wahres Geben nicht von materiellem Besitz, sondern von der eigenen Person ausgeht. Er fordert dazu auf, aus eigenem Antrieb und ohne Erwartung einer Gegenleistung zu geben, da dies die höchste Form des Gebens ist. Der Dichter unterscheidet zwischen verschiedenen Arten des Gebens: Es gibt jene, die aus Freude oder Schmerz geben, sowie jene, die ohne jegliche Erwartung oder Bewusstsein des Gebens geben, wie die Myrte ihren Duft verströmt. Gibran plädiert dafür, ungebeten zu geben, aus Verständnis und Mitgefühl, da dies eine größere Freude ist als das Geben selbst. Er betont auch die Wichtigkeit des Empfangens, da auch dies Mut, Vertrauen und Nächstenliebe erfordert. Gibran schließt mit der Mahnung, dass wir alle Empfänger sind und uns nicht durch übermäßige Dankbarkeit belasten sollten. Stattdessen sollten wir gemeinsam mit dem Gebenden auf den Flügeln seiner Gaben emporsteigen. Er erinnert uns daran, dass das Leben selbst der wahre Geber ist und wir lediglich Zeugen dieses Prozesses sind. Das Gedicht ist eine Einladung, die Freigebigkeit des Lebens zu erkennen und uns als Teil dieses Kreislaufs zu verstehen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- Es gibt jene, die mit Freude geben, und die Freude ist ihr Lohn. Es gibt jene, die mit Schmerzen geben, und der Schmerz ist ihr Taufe.
- Hyperbel
- daß die Menschen sich die Brust zerreißen
- Ironie
- Die Bäume in eurem Obstgarten reden nicht so, und auch nicht die Herden auf euren Weiden
- Metapher
- der übervorsichtige Hund, der Knochen im spurlosen Sand vergräbt
- Personifikation
- Denn in Wahrheit ist es das Leben, das dem Leben gibt
- Rhetorische Frage
- Und gibt es etwas, das ihr zurückhalten werdet?
- Vergleich
- Sie geben, wie im Tal dort drüben die Myrte ihren Duft verströmt