Gastrecht

Anastasius Grün

1907

Alexander Ypsilanti stürzt vom Schlachtfeld kampferhitzt, Wo die Freiheit ihres Blutes letzten Tropfen hat verspritzt, Wo er einen hohen Orden sich gewonnen, unbewußt, Eine schöne Heldenwunde, klaffend vorn an seiner Brust.

So mit stolzer Purpurrose seinen Busen ausgeschmückt, In der Hand den Stumpf des Schwertes, kampfzerbrochen und zerstückt Tritt der Held auf Oestreichs Boden, – o beträt’ er ihn doch nicht! Beut vertrauend uns die Hände, tritt an unsern Herd und spricht:

»Wenig ist’s, darum ich flehe! Gebt mir Linnen zum Verband, Laßt an eurer Luft mich laben, und erfreu’n an eurem Land!« Mächt’ger als der Mund des Gastes spricht sein rinnend Heldenblut! Und sie heißen ihn willkommen, und zu bleiben wohlgemuth:

»Munkats ist ein hübsches Schlößlein, Luft und Aussicht schön und rein! Nur beschränkt euch noch einstweilen auf ein einz’ges Fensterlein; An Verband soll’s auch nicht fehlen, der wohl fest und gut euch paßt, Scheint er auch zu sein von Eisen, gleicht er auch den Ketten fast.« –

Durch sein Gitterfenster nieder blickt der Griechenheld aufs Land, Das in schwelgerischer Fülle zaubervollen Lenzes stand: »O wie können Rosen duften, Saat und Frucht noch schwellen dicht, Saft’ge Reben lockend winken, wo des Gastes Recht man bricht?« –

Sieben lange Jahr’ in Ketten dort der Leu aus Hellas lag. Sieh, nun löst man sie, daß wieder frei mit uns er wandeln mag! Aber kaum nach sieben Tagen brach der Tod sein Herz entzwei! Traun, mich dünkt, daß er gestorben wohl an unsrer Freiheit sei!

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Illustration zu Gastrecht

Interpretation

Das Gedicht "Gastrecht" von Anastasius Grün erzählt die tragische Geschichte des griechischen Freiheitskämpfers Alexander Ypsilanti, der nach einer verwundeten Schlacht Zuflucht in Österreich sucht. Mit stolzer Entschlossenheit und dem Wunsch nach einfacher Pflege und Erholung tritt er an den Herd des vermeintlichen Gastgebers, in der Hoffnung auf Gastfreundschaft und Unterstützung. Doch die scheinbare Willkommenskultur entpuppt sich als Falle, als Ypsilanti in ein Schloss gesperrt und mit eisernen Fesseln gefesselt wird, statt der versprochenen Pflege und Freiheit. Die Ironie des Gedichts liegt in der Diskrepanz zwischen den Erwartungen des Gastes und der Realität seiner Behandlung. Die "Gastfreundschaft", die ihm angeboten wird, ist nichts weiter als eine raffinierte Form der Gefangenschaft, verkleidet als Fürsorge. Die Beschreibung des Schlösschens als Ort mit "Luft und Aussicht schön und rein" kontrastiert scharf mit der Enge und Begrenzung, die Ypsilanti tatsächlich erfährt, symbolisiert durch das einzige Fenster und den eisernen Verband, der Ketten gleicht. Das Gedicht kulminiert in der tragischen Ironie von Ypsilanti's Tod, der ironischerweise als Befreiung von den Ketten beschrieben wird, aber in Wirklichkeit das Ergebnis des Verrats und der Unfreiheit ist, die er erdulden musste. Der letzte Vers deutet an, dass Ypsilanti nicht an seinen Wunden oder an körperlicher Gefangenschaft starb, sondern an der geistigen und emotionalen Gefangenschaft – dem Verlust der Freiheit und der Hoffnung. Das Gedicht kritisiert somit die Heuchelei und den Verrat, der sich hinter der Fassade der Gastfreundschaft verbirgt, und reflektiert über die hohen Kosten der Freiheit und die Schande derer, die sie verraten.

Schlüsselwörter

freiheit tritt spricht verband luft land gastes ketten

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
stolzem Purpurrose seinen Busen ausgeschmückt
Bildsprache
In der Hand den Stumpf des Schwertes, kampfzerbrochen und zerstückt
Hyperbel
Sieben lange Jahr’ in Ketten dort der Leu aus Hellas lag
Ironie
Traun, mich dünkt, daß er gestorben wohl an unsrer Freiheit sei
Kontrast
Scheint er auch zu sein von Eisen, gleicht er auch den Ketten fast
Metapher
Wo die Freiheit ihres Blutes letzten Tropfen hat verspritzt
Personifikation
Mächt’ger als der Mund des Gastes spricht sein rinnend Heldenblut
Rhetorische Frage
O wie können Rosen duften, Saat und Frucht noch schwellen dicht
Symbolik
stolzer Purpurrose seinen Busen ausgeschmückt