Ganymed
1774Wie im Morgenglanze Du rings mich anglühst, Frühling, Geliebter! Mit tausendfacher Liebeswonne Sich an mein Herz drängt Deiner ewigen Wärme Heilig Gefühl, Unendliche Schöne!
Daß ich dich fassen möcht In diesen Arm!
Ach, an deinem Busen Lieg ich, schmachte, Und deine Blumen, dein Gras Drängen sich an mein Herz. Du kühlst den brennenden Durst meines Busens, Lieblicher Morgenwind! Ruft drein die Nachtigall Liebend nach mir aus dem Nebeltal.
Ich komm, ich komme! Wohin? Ach, wohin?
Hinauf! Hinauf strebt′s. Es schweben die Wolken Abwärts, die Wolken Neigen sich der sehnenden Liebe. Mir! Mir! In euerm Schoße Aufwärts! Umfangend umfangen! Aufwärts an deinen Busen, Alliebender Vater!
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht *Ganymed* von Johann Wolfgang von Goethe beschreibt die Sehnsucht des mythologischen Helden Ganymed nach der göttlichen Liebe des Zeus. Ganymed, ein schöner Jüngling, wird von Zeus in Gestalt eines Adlers entführt, um ihm als Mundschenk auf dem Olymp zu dienen. Das Gedicht vermittelt seine Begeisterung für die Natur, die ihn an die göttliche Liebe erinnert, und seinen Wunsch, von Zeus umarmt zu werden. In den ersten Strophen wird die Natur als Ausdruck der göttlichen Liebe dargestellt. Der Morgen und der Frühling werden als "Geliebter" bezeichnet, der den Sprecher mit Wärme und Schönheit umgibt. Die Natur wird als Quelle unendlicher Schöpfung und ewiger Wärme empfunden, die den Sprecher tief berührt und nach einer tieferen Verbindung verlangen lässt. Die zweite Strophe drückt den Wunsch aus, die göttliche Liebe zu erfassen und zu umarmen. Der Sprecher sehnt sich danach, in den Armen des Geliebten zu liegen und von ihm gekühlt und getröstet zu werden. Die Natur wird als liebevolle Mutterfigur dargestellt, die den Sprecher nährt und beschützt. Die Nachtigall, ein Symbol der Liebe, ruft nach dem Sprecher und verstärkt sein Verlangen. In den letzten Strophen wird der Aufstieg zum Olymp beschrieben. Der Sprecher fühlt sich von einer sehnenden Liebe getrieben, die ihn nach oben streben lässt. Die Wolken neigen sich ihm entgegen, als ob sie ihn umarmen wollten. Der Sprecher sehnt sich danach, von Zeus in dessen Schoß aufgenommen und an dessen Brust geschmiegt zu werden. Die Anrede an Zeus als "Alliebender Vater" unterstreicht die tiefe Verehrung und den Wunsch nach einer göttlichen Umarmung.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Die Wiederholung des 'd'-Lautes in 'Drängen sich an mein Herz'.
- Anapher
- Die Wiederholung von 'Ich komm, ich komme!' und 'Mir! Mir!' am Anfang aufeinanderfolgender Zeilen.
- Anspielung
- Die Anrufung des 'Alliebenden Vaters' am Ende deutet auf eine göttliche oder universelle Liebe hin.
- Apostrophe
- Der Sprecher spricht den 'Frühling' direkt an als 'Geliebter'.
- Ausruf
- Die Verwendung von 'Ach' und 'Wohin?' drückt emotionale Betonung aus.
- Bildsprache
- Die Beschreibung der 'Nachtigall' und des 'Nebeltals' schafft eine lebendige Szene.
- Enjambement
- Der Gedanke setzt sich über Zeilengrenzen hinweg fort, z.B. 'Daß ich dich fassen möcht / In diesen Arm!'.
- Hyperbel
- Die 'tausendfache Liebeswonne' übertreibt die Intensität der Gefühle.
- Kontrast
- Der Kontrast zwischen 'kühlst' und 'brennenden Durst' hebt die erlösende Wirkung des Windes hervor.
- Metapher
- Frühling wird als 'Geliebter' personifiziert und mit Liebeswonne beschrieben.
- Personifikation
- Der Frühling 'drängt' sich mit 'Liebeswonne' an das Herz des Sprechers.
- Symbolik
- Der 'Morgenwind' symbolisiert Erneuerung und Lebenskraft.
- Synästhesie
- Die Kombination von 'ewiger Wärme' und 'Heilig Gefühl' verbindet Temperatur und Emotion.