Ganymed

Friedrich Hölderlin

1770

Was schläfst du, Bergsohn, liegest in Unmut, schief, Und frierst am kahlen Ufer, Geduldiger! Denkst nicht der Gnade du, wenns an den Tischen die Himmlischen sonst gedürstet? Kennst drunten du vom Vater die Boten nicht, Nicht in der Kluft der Lüfte geschärfter Spiel? Trifft nicht das Wort dich, das voll alten Geists ein gewanderter Mann dir sendet? Schon tönets aber ihm in der Brust. Tief quillts, Wie damals, als hoch oben im Fels er schlief, Ihm auf. Im Zorne reinigt aber Sich der Gefesselte nun, nun eilt er, Der Linkische; der spottet der Schlacken nun, Und nimmt und bricht und wirft die Zerbrochenen Zorntrunken, spielend, dort und da zum Schauenden Ufer, und bei des Fremdlings Besondrer Stimme stehen die Herden auf, Es regen sich die Wälder, es hört tief Land Den Stromgeist fern, und schaudernd regt im Nabel der Erde der Geist sich wieder. Der Frühling kömmt. Und jedes, in seiner Art, Blüht. Der ist aber ferne; nicht mehr dabei. Irr ging er nun; denn allzugut sind Genien; himmlisch Gespräch ist sein nun.

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Ganymed

Interpretation

Das Gedicht "Ganymed" von Friedrich Hölderlin ist eine tiefgründige und symbolträchtige Darstellung der menschlichen Sehnsucht nach göttlicher Erkenntnis und Erhebung. Es erzählt die Geschichte des Ganymed, eines schönen Jünglings, der von Zeus entführt und zu dessen Mundschenk auf dem Olymp wurde. Das Gedicht beginnt mit einer Anrede an Ganymed, der in einer Art Schlafzustand verharrt und die göttlichen Boten sowie die Worte eines weisen Mannes nicht wahrnimmt. Es wird suggeriert, dass Ganymed in einer Art Unwissenheit oder Trägheit gefangen ist, die ihn daran hindert, die göttliche Gnade zu erkennen und zu empfangen. Die zweite Strophe beschreibt einen Prozess der Reinigung und Erweckung, der Ganymed durchläuft. Es wird angedeutet, dass er zuvor gefesselt oder gebunden war, aber nun durch Zorn und Spiel gereinigt wird. Er wirft die "Zerbrochenen" zum Ufer, was als symbolische Handlung der Befreiung und der Ablehnung des Alten interpretiert werden kann. Die Herden und Wälder reagieren auf diese Veränderung, was auf eine tiefgreifende Wirkung auf die Natur und das Land hindeutet. Der "Stromgeist" und der "Geist im Nabel der Erde" erwachen, was eine Verbindung zwischen der inneren Erweckung Ganymeds und der äußeren Natur andeutet. In der dritten Strophe wird der Frühling als Symbol für Erneuerung und Wachstum erwähnt. Jedes Geschöpf blüht auf seine eigene Weise, was die Vielfalt und Individualität des Lebens unterstreicht. Ganymed selbst ist jedoch nicht mehr anwesend; er ist auf eine Reise gegangen, die als "Irrgang" beschrieben wird. Dies deutet auf eine Suche nach höherem Wissen und spiritueller Erleuchtung hin. Die "Genien" (Geister oder Gottheiten) sind zu gut für ihn, was darauf hindeutet, dass er sich in Sphären bewegt, die über das menschliche Verständnis hinausgehen. Das "himmlische Gespräch" deutet auf eine Kommunikation mit dem Göttlichen hin, die Ganymed nun möglich ist.

Schlüsselwörter

ufer tief schläfst bergsohn liegest unmut schief frierst

Wortwolke

Wortwolke zu Ganymed

Stilmittel

Anrede
Was schläfst du, Bergsohn, liegest in Unmut, schief,
Metapher
himmlisch Gespräch ist sein nun
Personifikation
Bergsohn
Rhetorische Frage
Denkst nicht der Gnade du, wenns an den Tischen die Himmlischen sonst gedürstet?