Fußball

Joachim Ringelnatz

1883

Der Fußballwahn ist eine Krank- heit, aber selten, Gott sei Dank! Ich kenne wen, der litt akut an Fußballwahn und Fußballwut. Sowie er einen Gegenstand in Kugelform und ähnlich fand, so trat er zu und stieß mit Kraft ihn in die bunte Nachbarschaft. Ob es ein Schwalbennest, ein Tiegel, ein Käse, Globus oder Igel, ein Krug, ein Schmuckwerk am Altar, ein Kegelball, ein Kissen war, und wem der Gegenstand gehörte, das war etwas, was ihn nicht störte. Bald trieb er eine Schweineblase, bald steife Hüte durch die Straße. Dann wieder mit geübtem Schwung stieß er den Fuß in Pferdedung. Mit Schwamm und Seife trieb er Sport. Die Lampenkuppel brach sofort. Das Nachtgeschirr flog zielbewusst der Tante Berta an die Brust. Kein Abwehrmittel wollte nützen, nicht Stacheldraht in Stiefelspitzen, noch Puffer, außen angebracht. Er siegte immer, 0 zu 8, und übte weiter frisch, fromm, frei mit Totenkopf und Straußenei. Erschreckt durch seine wilden Stöße, gab man ihm nie Kartoffelklöße. Selbst vor dem Podex und den Brüsten der Frau ergriff ihn ein Gelüsten, was er jedoch als Mann von Stand aus Höflichkeit meist überwand. Dagegen gab ein Schwartenmagen dem Fleischer Anlass zum Verklagen. Was beim Gemüsemarkt geschah, kommt einer Schlacht bei Leipzig nah. Da schwirrten Äpfel, Apfelsinen durch Publikum wie wilde Bienen. Da sah man Blutorangen, Zwetschen an blassen Wangen sich zerquetschen. Das Eigelb überzog die Leiber, ein Fischkorb platzte zwischen Weiber. Kartoffeln spritzten und Zitronen. Man duckte sich vor den Melonen. Dem Krautkopf folgten Kürbisschüsse. Dann donnerten die Kokosnüsse. Genug! Als alles dies getan, griff unser Held zum Größenwahn. Schon schäkernd mit der U-Boots-Mine, besann er sich auf die Lawine. Doch als pompöser Fußballstößer Fand er die Erde noch viel größer. Er rang mit mancherlei Problemen. Zunächst: Wie soll man Anlauf nehmen? Dann schiffte er von dem Balkon sich ein in einen Luftballon. Und blieb von da an in der Luft, verschollen. Hat sich selbst verpufft. - Ich warne euch, ihr Brüder Jahns, vor dem Gebrauch des Fußballwahns!

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Illustration zu Fußball

Interpretation

Das Gedicht "Fußball" von Joachim Ringelnatz ist eine humorvolle und zugleich kritische Betrachtung des Fußballsports und seiner Auswirkungen auf den Menschen. Der Autor beschreibt einen Mann, der unter dem sogenannten "Fußballwahn" leidet und alles, was ihm in den Weg kommt, mit voller Kraft tritt. Dies führt zu einer Reihe von chaotischen und zerstörerischen Szenen, in denen der Protagonist scheinbar alles in seiner Umgebung als Fußball missbraucht. Die Absurdität des Verhaltens des Protagonisten wird durch die Vielzahl der Gegenstände und Situationen, in denen er seinen Fußballwahn auslebt, noch verstärkt. Von Alltäglichem wie einem Kissen oder einem Krug bis hin zu Unerwartetem wie einem Igel oder einem Totenkopf zeigt Ringelnatz die Vielseitigkeit der Objekte, die dem Fußballwahn zum Opfer fallen. Die Beschreibung des Gemüsemarktes als Schlacht von Leipzig verdeutlicht die Zerstörungswut, die der Protagonist an den Tag legt. Im letzten Teil des Gedichts steigert sich der Fußballwahn des Protagonisten ins Groteske. Er versucht, mit einer U-Boot-Mine zu spielen und schließlich mit einer Lawine, was seine völlige Entfremdung von der Realität verdeutlicht. Der Schluss, in dem der Protagonist in einem Luftballon verschwindet und sich selbst "verpufft", kann als Warnung vor den Gefahren des Fußballwahns interpretiert werden. Insgesamt ist "Fußball" von Joachim Ringelnatz eine satirische Auseinandersetzung mit dem Fußball als Massenphänomen und seiner potenziell zerstörerischen Wirkung auf den Einzelnen und die Gesellschaft.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

Wortwolke zu Fußball

Stilmittel

Alliteration
mit Kraft
Hyperbel
er siegte immer, 0 zu 8
Ironie
fröhlich, fromm, frei
Metapher
Der Fußballwahn ist eine Krankheit
Personifikation
Der Fußballwahn ergriff ihn
Reim
Kraft - Nachbarschaft
Wortspiel
Fußballwahn und Fußballwut