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Für wen ich singe

Von

Ich singe nicht für kleine Knaben,
Die voller Stolz zur Schule gehn,
Und den Ovid in Händen haben,
Den ihre Lehrer nicht verstehn.

Ich singe nicht für euch, ihr Richter,
Die ihr voll spitz′ger Gründlichkeit
Ein unerträglich Joch dem Dichter,
Und euch die Muster selber seid.

Ich singe nicht den kühnen Geistern,
Die nur Homer und Milton reizt;
Weil man den unerschöpften Meistern
Die Lorbeern nur umsonst begeizt.

Ich singe nicht, durch Stolz gedrungen,
Für dich, mein deutsches Vaterland.
Ich fürchte jene Lästerzungen,
Die dich bis an den Pol verbannt.

Ich singe nicht für fremde Reiche.
Wie käm′ mir solch ein Ehrgeiz ein?
Das sind verwegne Autorstreiche.
Ich mag nicht übersetzet sein.

Ich singe nicht für fromme Schwestern,
Die nie der Liebe Reiz gewinnt,
Die, wenn wir munter singen, lästern,
Daß wir nicht alle Schmolcken sind.

Ich singe nur für euch, ihr Brüder,
Die ihr den Wein erhebt, wie ich.
Für euch, für euch sind meine Lieder.
Singt ihr sie nach: o Glück für mich!

Ich singe nur für meine Schöne,
O muntre Phyllis, nur für dich.
Für dich, für dich sind meine Töne.
Stehn sie dir an, so küsse mich.

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: Für wen ich singe von Gotthold Ephraim Lessing

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Für wen ich singe“ von Gotthold Ephraim Lessing ist eine charmante, spielerische Selbstverortung des Dichters. Es ist eine Art Bekenntnis, an wen sich seine Dichtung richtet, und zugleich eine Distanzierung von verschiedenen Rezipienten, die er aus unterschiedlichen Gründen ablehnt. Lessing beginnt mit der Abgrenzung von bestimmten Zuhörergruppen und endet dann mit einer deutlichen Zusage an seine „Schöne“ und an Gleichgesinnte.

Der erste Teil des Gedichts ist durch eine Reihe von Negationen gekennzeichnet. Lessing grenzt sich von den „kleinen Knaben“, den „Richtern“, den „kühnen Geistern“, seinem „deutschen Vaterland“, „fremden Reichen“ und den „frommen Schwestern“ ab. Diese Ablehnungen sind mit unterschiedlichen Gründen versehen. Die Knaben und Richter werden als unfähig oder uninteressiert an seiner Kunst dargestellt. Die kühnen Geister, die sich an Homer und Milton orientieren, erhalten seine Lieder nicht, da sie die wahren Meister missachten. Auch das Vaterland und fremde Reiche werden aus unterschiedlichen Gründen ausgeschlossen, wobei die Ablehnung des Vaterlandes von einer gewissen Furcht vor Kritik getragen ist. Die frommen Schwestern sind aufgrund ihrer Ablehnung der Liebe und Freude nicht in seinem Adressatenkreis.

Im Mittelpunkt des Gedichts steht jedoch die positive Zuwendung. Lessing wendet sich an seine „Brüder“, also an Gleichgesinnte, die seinen Humor und seine Liebe zum Wein teilen. Diese Gemeinschaft der Freude und des Genusses wird als wichtig für ihn herausgestellt. Der Höhepunkt und der zentrale Adressat ist seine „Schöne“, Phyllis. Für sie sind seine Lieder bestimmt, und die letzte Zeile des Gedichts ist ein spielerischer Wunsch nach ihrem Zuspruch in Form eines Kusses.

Die sprachliche Gestaltung des Gedichts ist leicht und elegant. Die Reimstruktur (abab) und die einfachen Wörter erzeugen einen spielerischen Charakter. Lessings Sprache ist direkt und unprätentiös, was dem Gedicht eine zugängliche und sympathische Qualität verleiht. Die Verwendung von Wiederholungen („Ich singe nicht…“, „Für dich, für dich“) betont die Klarheit seiner Botschaft und die Bestimmtheit seiner Adressatenwahl.

Insgesamt ist Lessings Gedicht eine Liebeserklärung an die Freude, die Gemeinschaft und die geliebte Person. Es ist eine humorvolle Abgrenzung von all jenen, die diese Freuden nicht teilen oder verstehen, und eine herzliche Einladung an diejenigen, die es tun. Die scheinbare Einfachheit des Gedichts verbirgt eine kluge Selbstreflexion des Dichters und seiner künstlerischen Absichten.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.