Für wen ich singe
1771Ich singe nicht für kleine Knaben, Die voller Stolz zur Schule gehn, Und den Ovid in Händen haben, Den ihre Lehrer nicht verstehn.
Ich singe nicht für euch, ihr Richter, Die ihr voll spitz′ger Gründlichkeit Ein unerträglich Joch dem Dichter, Und euch die Muster selber seid.
Ich singe nicht den kühnen Geistern, Die nur Homer und Milton reizt; Weil man den unerschöpften Meistern Die Lorbeern nur umsonst begeizt.
Ich singe nicht, durch Stolz gedrungen, Für dich, mein deutsches Vaterland. Ich fürchte jene Lästerzungen, Die dich bis an den Pol verbannt.
Ich singe nicht für fremde Reiche. Wie käm′ mir solch ein Ehrgeiz ein? Das sind verwegne Autorstreiche. Ich mag nicht übersetzet sein.
Ich singe nicht für fromme Schwestern, Die nie der Liebe Reiz gewinnt, Die, wenn wir munter singen, lästern, Daß wir nicht alle Schmolcken sind.
Ich singe nur für euch, ihr Brüder, Die ihr den Wein erhebt, wie ich. Für euch, für euch sind meine Lieder. Singt ihr sie nach: o Glück für mich!
Ich singe nur für meine Schöne, O muntre Phyllis, nur für dich. Für dich, für dich sind meine Töne. Stehn sie dir an, so küsse mich.
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Für wen ich singe" von Gotthold Ephraim Lessing ist eine selbstironische und humorvolle Auseinandersetzung mit dem Verhältnis des Dichters zu seinen möglichen Lesern und Zuhörern. Lessing stellt klar, dass er nicht für bestimmte Gruppen singt oder schreibt, sondern nur für jene, die seine Werke wirklich zu schätzen wissen. Im ersten Teil des Gedichts nennt Lessing verschiedene Gruppen, für die er nicht singt. Dazu gehören junge Schüler, die stolz zur Schule gehen und Ovid in den Händen halten, aber den Text nicht verstehen. Auch Richter, die den Dichter mit spitzer Gründlichkeit beurteilen und sich selbst als Vorbild nehmen, sind nicht die Zielgruppe des Dichters. Lessing singt auch nicht für die kühnen Geister, die nur Homer und Milton reizt, da man den unerschöpften Meistern die Lorbeeren nur umsonst begeizt. Im zweiten Teil des Gedichts wird deutlich, für wen Lessing tatsächlich singt. Er singt für seine Brüder, die wie er den Wein erheben und seine Lieder nachsingen. Außerdem singt er für seine Schöne, die muntere Phyllis, für die seine Töne bestimmt sind. Lessing betont, dass er nur für jene singt, die seine Werke wirklich zu schätzen wissen und die Freude daran haben. Insgesamt ist das Gedicht eine humorvolle und selbstironische Auseinandersetzung mit dem Verhältnis des Dichters zu seinen Lesern und Zuhörern. Lessing stellt klar, dass er nicht für alle singt, sondern nur für jene, die seine Werke wirklich zu schätzen wissen und die Freude daran haben. Dabei verwendet er eine klare und verständliche Sprache, die den Leser zum Schmunzeln bringt und zum Nachdenken anregt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Die voller Stolz zur Schule gehn
- Anapher
- Ich singe nicht für
- Enjambement
- Ich singe nur für euch, ihr Brüder, / Die ihr den Wein erhebt, wie ich.
- Metapher
- Das sind verwegne Autorstreiche
- Personifikation
- Die nie der Liebe Reiz gewinnt
- Reimschema
- AABB
- Vergleich
- Für dich, für dich sind meine Töne