Für Musik
1816Ich nenn′ und ich flüstre und atme dich nicht; Es ist Schmerz in dem Klang, es ist Schuld im Gerücht; Nur die brennende Trän′ auf der Wang′, o mein Herz, Verrät dir den tiefen, den schweigenden Schmerz.
Zu kurz für das Glück, für den Frieden zu lang Entschwanden die Stunden, berauschend und bang; Wir brachen die Kett′ und entsagten dem Glück, Wir scheiden, wir fliehen, - und kehren zurück.
O mein sei die Reue und dein sei die Lust! Vergib, o mein Leben! - verlaß, wenn du mußt; - Das Herz, das dich liebte, verlier es die Ruh, Doch beugt es und bricht es kein anderer als du.
Stolz wider die Stolzen, voll Demut vor dir Ist die Seel′, ob es dunkelt und stürmet in mir; Und die Tage sind schnell und die Stunden sind schön Bei dir, o mein Herz, wie in seligen Höhn.
Dein Auge voll Liebe, dein Seufzer voll Leid Bannt oder vertreibt, straft oder verzeiht, Und verhöhne die Welt mein Entsagen vor dir, Antwortet, o Lippen nicht ihnen, - nur mir!
O lacrimarum fons, tenero sacros Ducentium ortus ex animo: quater Felix, in imo qui scatentem Pectore te, pia Nympha, sensit. Grays Poemata.
Kein Glück ist , das die Welt uns gibt, dem gleich, das sie uns nimmt, Wenn die Glut der jungen Seel′ erlischt und ihr Gefühl verglimmt; Nicht bloß auf weichen Wangen ist der Jugend Duft verweht, Auch des Herzens zarte Blüte welkt, eh′ Jugend selbst vergeht.
Und die Wen′gen, deren Haupt im Sturm und Schiffbruch oben bleibt Und ans Riff der Sünde oder weit ins Meer der Taumels treibt,- Ihr Kompaß fehlt nun oder zeigt vergeblich auf das Land, Dannach die Barke nimmermehr ihr flatternd` Segel spannt.
Und die Grabeskälte sinkt ins Herz, wie Tod sich niedersenkt, Fühllos für fremde Qual und starr, wenn`s an die eigne denkt; Im dumpfen Frost gefroren ist all unserer Tränen Quell, Und ob das Auge funkeln mag, es ist von Eis so hell.
Ob der Witz von sprüh′nder Lippe fließt und Scherz entwölkt die Brust, In den nächt′gen Stunden, die schon lang von Schlummer nichts gewußt, So ist es nur, wie Efeulaub den morschen Turm umrankt; Von außen grünt es frisch und wild, was drinnen klafft und wankt.
O könnt′ ich fühlen, könnt′ ich sein, wie ich gefühlt und war, Und weinen, wie ich einst geweint, um manch entschwundnes Jahr, Wie die Wüstenquelle lieblich dünkt, die bittres Salz enthält, So flössen jene Tränen mir in dieser öden Welt.
Keine gleicht von allen Schönen, Zauberhafte, dir! Wie Musik auf Wassern tönen Deine Worte mir, Wann das Meer vergißt zu rauschen, Um entzückt zu lauschen, Lichte Wellen leise schäumen, Eingelullte Winde träumen,
Wann der Mond die Silberkette über Fluten spinnt, Deren Brust im stillen Bette Atmet wie ein Kind: Also liegt mein Herz versunken, Lauschend, wonnetrunken, Sanft gewiegt und voll sich labend. Wie des Meeres Sommerabend.
Die Hoffnung, sagen sie, ist Glück, Doch echte Lieb′ Erinnerung schätzt Und ruft den schönen Traum zurück; Er kam zuerst, er flieht zuletzt. Und was Erinnerung versüßt, Und was die Hoffnung eingebüßt, Verschmilzt nun mit Erinnerung.
Ach! Trug ist alles Traumgesicht: Die Zukunft log noch alle Zeit; Was ihr erinnert, seid ihr nicht, Und mögt nicht denken, was ihr seid.
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Interpretation
Das Gedicht "Für Musik" von George Gordon Lord Byron ist ein leidenschaftliches und tief empfundenes Loblied auf die Musik und ihre transformative Kraft. Es ist in vier Teile gegliedert, die jeweils verschiedene Aspekte der Beziehung zwischen dem lyrischen Ich und der Musik beleuchten. Im ersten Teil drückt der Sprecher seine unausgesprochene Liebe zur Musik aus. Er beschreibt die Musik als etwas, das er nicht laut aussprechen oder flüstern kann, da es zu schmerzhaft ist. Die Musik wird als Quelle tiefer Emotionen und innerer Konflikte dargestellt, die nur durch Tränen verraten werden können. Der Sprecher beschreibt die flüchtige Natur des Glücks und die Schwierigkeit, eine Verbindung zur Musik aufrechtzuerhalten. Er betont die Intensität seiner Gefühle und die einzigartige Beziehung, die er zur Musik hat. Der zweite Teil des Gedichts befasst sich mit dem Verlust der Jugend und der Unschuld. Der Sprecher beschreibt, wie das Glück und die Leidenschaft der Jugend vergehen und durch eine Art emotionale Kälte ersetzt werden. Er vergleicht die äußere Fröhlichkeit mit dem inneren Verfall und deutet an, dass die Oberflächlichkeit des Lebens die tieferen Gefühle und Sehnsüchte verdeckt. Der Sprecher sehnt sich danach, die Fähigkeit zu fühlen und zu weinen, wie er es in seiner Jugend getan hat, und wünscht sich, dass Tränen in seiner jetzigen, öden Welt fließen könnten. Im dritten Teil des Gedichts wird die Musik mit natürlichen Elementen verglichen, insbesondere mit Wasser und Mondlicht. Der Sprecher beschreibt, wie die Worte der Musik auf den Wassern tönen und wie das Meer innehält, um ihnen zu lauschen. Die Musik wird als etwas Sanftes und Beruhigendes dargestellt, das das Herz des Sprechers versenkt und ihn in einen Zustand der Glückseligkeit versetzt. Die Musik wird mit einem Sommerabend am Meer verglichen, der eine Atmosphäre der Ruhe und Schönheit schafft. Der letzte Teil des Gedichts reflektiert über die Natur von Hoffnung und Erinnerung. Der Sprecher argumentiert, dass die Hoffnung oft als Quelle des Glücks angesehen wird, aber dass die wahre Liebe und Freude in der Erinnerung liegt. Er betont die Bedeutung der Erinnerung als Bewahrerin vergangener Glücksmomente und als Trost in der Gegenwart. Der Sprecher schließt mit der Erkenntnis, dass die Zukunft oft trügerisch ist und dass die Vergangenheit und die Gegenwart die einzigen wahren Quellen der Erkenntnis und des Verständnisses sind. Insgesamt ist "Für Musik" ein tief empfundenes und emotionales Gedicht, das die transformative Kraft der Musik und ihre Fähigkeit, tiefe Emotionen und Erinnerungen hervorzurufen, feiert. Byron nutzt eindrucksvolle Bilder und Metaphern, um die Intensität der Beziehung zwischen dem lyrischen Ich und der Musik zu vermitteln.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Stolz wider die Stolzen, voll Demut vor dir
- Anapher
- Und die Wen′gen, deren Haupt im Sturm und Schiffbruch oben bleibt Und ans Riff der Sünde oder weit ins Meer der Taumels treibt
- Assonanz
- Keine gleicht von allen Schönen, Zauberhafte, dir!
- Bildsprache
- O lacrimarum fons, tenero sacros Ducentium ortus ex animo: quater Felix, in imo qui scatentem Pectore te, pia Nympha, sensit.
- Chiasmus
- Nicht bloß auf weichen Wangen ist der Jugend Duft verweht, Auch des Herzens zarte Blüte welkt, eh′ Jugend selbst vergeht.
- Enjambement
- Kein Glück ist , das die Welt uns gibt, dem gleich, das sie uns nimmt, Wenn die Glut der jungen Seel′ erlischt und ihr Gefühl verglimmt;
- Hyperbel
- Und ob das Auge funkeln mag, Es ist von Eis so hell.
- Konsonanz
- Wann der Mond die Silberkette über Fluten spinnt
- Kontrast
- Stolz wider die Stolzen, voll Demut vor dir
- Metapher
- O lacrimarum fons, tenero sacros Ducentium ortus ex animo: quater Felix, in imo qui scatentem Pectore te, pia Nympha, sensit.
- Metonymie
- Und was Erinnerung versüßt, Und was die Hoffnung eingebüßt
- Oxymoron
- Kein Glück ist , das die Welt uns gibt, dem gleich, das sie uns nimmt
- Parallelismus
- Und was Erinnerung versüßt, Und was die Hoffnung eingebüßt
- Personifikation
- Wann das Meer vergißt zu rauschen, Um entzückt zu lauschen
- Reimschema
- Ich nenn′ und ich flüstre und atme dich nicht; Es ist Schmerz in dem Klang, es ist Schuld im Gerücht; Nur die brennende Trän′ auf der Wang′, o mein Herz, Verrät dir den tiefen, den schweigenden Schmerz.
- Rhetorische Frage
- Antwortet, o Lippen nicht ihnen, - nur mir!
- Symbolik
- O könnt′ ich fühlen, könnt′ ich sein, wie ich gefühlt und war, Und weinen, wie ich einst geweint, um manch entschwundnes Jahr
- Synästhesie
- Die Hoffnung, sagen sie, ist Glück, Doch echte Lieb′ Erinnerung schätzt
- Vergleich
- Wie Musik auf Wassern tönen Deine Worte mir