Für mich...

Hugo von Hofmannsthal

1891

Das längst Gewohnte, das alltäglich Gleiche, Mein Auge adelt mirs zum Zauberreiche: Es singt der Sturm sein grollend Lied für mich, Für mich erglüht die Rose, rauscht die Eiche. Die Sonne spielt auf goldnem Frauenhaar Für mich - und Mondlicht auf dem stillen Teiche. Die Seele les ich aus dem stummen Blick, Und zu mir spricht die Stirn, die schweigend bleiche. Zum Traume sag ich. »Bleib bei mir, sei wahr!« Und zu der Wirklichkeit: »Sei Traum, entweiche!« Das Wort, das Andern Scheidemünze ist, Mir ists der Bilderquell, der flimmernd reiche. Was ich erkenne. ist mein Eigentum, Und lieblich locket, was ich nicht erreiche. Der Rausch ist süß, den Geistertrank entflammt, Und süß ist die Erschlaffung auch, die weiche. So tiefe Welten tun sich oft mir auf, Daß ich drein glanzgeblendet, zögernd schleiche, Und einen goldnen Reigen schlingt um mich Das längst Gewohnte, das alltäglich Gleiche.

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Illustration zu Für mich...

Interpretation

Das Gedicht "Für mich..." von Hugo von Hofmannsthal thematisiert die subjektive Wahrnehmung des lyrischen Ichs, das das Gewöhnliche in ein persönliches Zauberreich verwandelt. Das Ich erhebt alltägliche Dinge und Erlebnisse zu etwas Besonderem, das nur für es selbst bestimmt zu sein scheint. Der Sturm singt, die Rose erglüht, die Eiche rauscht – alles für das Ich. Diese Perspektive verleiht der Welt eine neue, intensivere Bedeutung. Das lyrische Ich sieht in den Blicken und der Stirn anderer Seelen und hört sie sprechen, selbst wenn sie schweigen. Es wünscht sich, dass Träume wahr bleiben und die Realität wie ein Traum entweicht. Worte sind für das Ich keine bloßen Kommunikationsmittel, sondern Quellen reicher Bilder. Es beansprucht das Erkannte als sein Eigentum und findet das Unerreichbare anziehend. Rausch und Entspannung sind süß, und die Tiefe der Welten, die sich ihm eröffnen, ist so überwältigend, dass es geblendet zögert. Am Ende schließt sich der Kreis: Das Gewohnte und Gleiche umgibt das Ich wie ein goldener Reigen, der die subjektive Verzauberung der Welt vollendet. Das Gedicht vermittelt eine intensive, fast halluzinatorische Wahrnehmung der Realität, in der das Ich die Welt durch eine persönliche Brille betrachtet. Es geht um die Macht der Imagination und die subjektive Bedeutungszuweisung. Das Ich schafft sich seine eigene Realität, in der alles für es bestimmt zu sein scheint und eine tiefere, magische Bedeutung erhält.

Schlüsselwörter

längst gewohnte alltäglich gleiche süß auge adelt mirs

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Für mich erglüht die Rose, rauscht die Eiche
Anapher
Für mich... Für mich
Hyperbel
So tiefe Welten tun sich oft mir auf
Kontrast
Und zu mir spricht die Stirn, die schweigend bleiche
Metapher
Und einen goldnen Reigen schlingt um mich
Personifikation
Es singt der Sturm sein grollend Lied