Für meine Söhne
1888Hehle nimmer mit der Wahrheit! Bringt sie Leid, nicht bringt sie Reue; Doch, weil Wahrheit eine Perle, Wirf sie auch nicht vor die Säue.
Blüte edelsten Gemütes Ist die Rücksicht; doch zuzeiten Sind erfrischend wie Gewitter Goldne Rücksichtslosigkeiten.
Wackrer heimatlicher Grobheit Setze deine Stirn entgegen; Artigen Leutseligkeiten Gehe schweigend aus den Wegen.
Wo zum Weib du nicht die Tochter Wagen würdest zu begehren, Halte dich zu wert, um gastlich In dem Hause zu verkehren.
Was du immer kannst, zu werden, Arbeit scheue nicht und Wachen; Aber hüte deine Seele Vor dem Karrieremachen.
Wenn der Pöbel aller Sorte Tanzet um die goldnen Kälber, Halte fest: du hast vom Leben Doch am Ende nur dich selber.
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Für meine Söhne" von Theodor Storm ist ein Ratgeber für das Leben, der in vier Strophen gegliedert ist. In der ersten Strophe warnt der Dichter vor Unehrlichkeit und betont gleichzeitig die Wichtigkeit der Wahrheit. Er rät davon ab, die Wahrheit vor Menschen zu verbergen, die sie nicht zu schätzen wissen, und vergleicht sie mit einer kostbaren Perle, die nicht vor die Säue geworfen werden sollte. Die zweite Strophe thematisiert die Rücksichtnahme als edle Eigenschaft, betont aber auch, dass es manchmal erfrischend und notwendig sein kann, rücksichtslos zu sein. Der Dichter vergleicht solche Momente mit einem Gewitter, das erfrischend und befreiend wirken kann. In der dritten Strophe rät Storm dazu, sich gegen unangenehme oder grobe Verhaltensweisen zu wehren und stattdessen höfliche und freundliche Umgangsformen zu pflegen. Er ermutigt seine Söhne, sich nicht von unangenehmen Menschen einschüchtern zu lassen und stattdessen höflich und freundlich zu bleiben. Die vierte Strophe befasst sich mit der Wahl eines Lebenspartners und der Bedeutung von Gastfreundschaft. Der Dichter rät seinen Söhnen, sich nicht mit Frauen einzulassen, die sie nicht als potenzielle Ehefrauen betrachten würden, und sich auch nicht in deren Häusern aufzuhalten. Er betont die Wichtigkeit von Fleiß und Wachsamkeit, warnt aber gleichzeitig vor dem Streben nach Karriere und Erfolg um jeden Preis. In der letzten Strophe ermutigt Storm seine Söhne, standhaft zu bleiben und sich nicht von der Masse beeinflussen zu lassen, die um materiellen Wohlstand tanzt. Er erinnert sie daran, dass am Ende des Lebens nur sie selbst zählen und dass es wichtig ist, authentisch und wahrhaftig zu bleiben.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Pöbel aller Sorte
- Antithese
- Was du immer kannst, zu werden, Arbeit scheue nicht und Wachen; Aber hüte deine Seele Vor dem Karrieremachen
- Hyperbel
- Vor dem Karrieremachen
- Metapher
- tanzet um die goldnen Kälber
- Parallelismus
- Arbeit scheue nicht und Wachen
- Personifikation
- Halte fest: du hast vom Leben Doch am Ende nur dich selber
- Rhetorische Frage
- Wo zum Weib du nicht die Tochter Wagen würdest zu begehren