Für die Zukunft

Oskar Jerschke

1885

Wer heut′ nicht die eigenen Zeiten versteht, Den lasse der Himmel nur sterben, Eh′ die glimmende Welt in Flammen aufgeht Und die Marmorpaläste verderben; Eh′ die Throne versinken im siedenden Meer Und der Blutrauch dampft durch die Gassen einher.

Glückselig die Menschen, die taumelfroh Sich durch das Jahrhundert trollen, Champagner trinken, ob lichterloh Auch draußen die Blitze rollen, Die nie beim Gelag′ der Gedanke bedräut: »Die Welt kann nimmer so bleiben wie heut.«

Hier Haufen von Gold und Demant und Geschmeid′, Dort auch nicht ein Heller zu finden; Hier brausende, sausende Herrlichkeit, Dort trockene Schwarzbrodrinden. Gott-Vater im Himmel schick′ einen Prophet′, Der der Welt in′s Gewissen zu reden versteht.

Schick′ einen Propheten in′s gährende Land, Der soll die Paläste besuchen, Der soll an die marmorspiegelnde Wand In Flammenschrift schreiben und buchen, Auf daß es die Prasser mit Grausen erfaßt: Auf einem Vulkan steht unser Palast.

Auf daß sie gewarnt, noch eh′ es zu spät, Eh′ die Wogen des Aufruhrs stürmen, Eh′ die rohe Gewalt wie die Sense mäht Und die Barrikaden sich thürmen; Der hungernde Haufe mit Pechkranz und Blei Ertrotzt, daß das Glück auch ihm hold nun sei.

Dann gilt nichts Heiliges mehr auf der Welt, Es stürzen Kirch′ und Kapellen. Die Liebe verroht und der Glaube zerschellt, Das Mitleid begraben die Wellen. Die Massen nur raufen sich um das Gold, Das über die dampfenden Trümmer rollt.

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Illustration zu Für die Zukunft

Interpretation

Das Gedicht "Für die Zukunft" von Oskar Jerschke ist eine düstere Prophezeiung über die Zukunft der Gesellschaft. Der Dichter beschreibt eine Welt, die kurz vor dem Untergang steht. Er warnt vor den Konsequenzen der Ignoranz und des unreflektierten Genusses in Zeiten des Umbruchs. Die Kluft zwischen Arm und Reich wird als Ursache für den bevorstehenden Aufstand dargestellt. Jerschke fordert einen Propheten, der die Reichen aufrütteln und ihnen die Gefahr ihrer Lage vor Augen führen soll. Die Metapher des Palastes auf einem Vulkan verdeutlicht die fragile Stabilität des bestehenden Systems. Der Dichter sieht eine Zukunft voraus, in der alle gesellschaftlichen Werte und Institutionen zerstört werden. Am Ende herrscht nur noch das nackte Überlebensinteresse, symbolisiert durch das Streben nach Gold in den Trümmern der alten Welt.

Schlüsselwörter

welt heut versteht himmel gold schick soll eigenen

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Marmorspiegelnde Wand
Anapher
Eh′ die glimmende Welt in Flammen aufgeht Eh′ die Throne versinken im siedenden Meer
Bildsprache
Die Massen nur raufen sich um das Gold
Hyperbel
Die rohe Gewalt wie die Sense mäht
Kontrast
Hier brausende, sausende Herrlichkeit, Dort trockene Schwarzbrodrinden
Metapher
Die Wogen des Aufruhrs stürmen
Personifikation
Gott-Vater im Himmel schick′ einen Prophet′
Symbolik
Das Gold, das über die dampfenden Trümmer rollt
Vergleich
Die rohe Gewalt wie die Sense mäht