Für die armen Seelen
1841Was Leben hat, das kennt die Zeit der Gnade; Der Liebe Pforten sind ihm aufgetan. Zum Himmel führen tausend lichte Pfade; Ein jeder Stand hat seine eigne Bahn.
Doch wenn mit Trauer Leib und Seel′ sich trennen, Dann, Mensch, ergreif den letzten Augenblick. Bald kannst du nicht mehr dein die Stunde nennen; Aus deiner Hand entflohn ist dein Geschick.
Wohl dem, der reiches Gut voraus gesendet; Was er gewirkt, das trägt er sich nach Haus. Doch in dem Sturme, der dein Leben endet, Löscht auch der Prüfung Gnadenfackel aus.
Wie Mancher schied und kennt die Zeit der Reue, Und die Erlösung ist ihm noch so fern! Wohlan mein Herz, zeig deine Christentreue: Ein gläubig Flehn dringt vor den Thron des Herrn!
O du, der sprach aus seines Dieners Munde: »Es ist ein heiliger und frommer Brauch!« Das Geisterreich kennt weder Zeit noch Stunde, Doch eine Stunde kennt und hofft es auch.
Mein Vater, sieh auf deine ärmsten Kinder Und denk an sie in ihrer großen Not; Sie waren, was wir sind, sie waren Sünder, Und ihre Gnadenpforte schloß der Tod!
Und haben sie auch deinen Weg verlassen Und haben nicht auf deine Hand geschaut: Ach, ihre Sehnsucht kann kein Leben fassen, Und ihre Reue nennt kein Menschenlaut.
O Jesu, denk an deine bittern Schmerzen Und an den harten Tod am Kreuzesstamm! Ach, alle trugst du sie an deinem Herzen, Für Alle starb das unbefleckte Lamm!
Eröffne deine heiligen fünf Wunden, Und auf fünf Strömen, glänzend, blutig rot, Send′ her dein Kreuz, des mögen sie gesunden, Ein sichres Schiff in ihrer großen Not!
Maria, bitt für sie bei deinem Sohne, Als Himmelsleiter aus dem finstern Reich; Beut ihnen seine blut′ge Dornenkrone, Und nimm sie auf in deinen Mantel weich!
Ihr Heil′gen Gottes alle, helft uns flehen; Sie sind ja eure armen Brüder auch! Herr, laß sie bald dein göttlich Antlitz sehen, Kühl ihre Glut mit deiner Milde Hauch!
Und wenn von denen, die mir teuer waren, Als noch um sie die Erdenhülle lag, Vielleicht noch mancher nicht dein Heil erfahren Noch fruchtlos harrt auf der Erlösung Tag:
O Gott, ich ruf′ aus meiner tiefsten Seele, Steh ihnen bei, mein Gott, verlaß sie nicht! Auf ihren Schmerz sieh, nicht auf ihre Fehle; Sieh auf mein einsam trauernd Angesicht!
Und ist es möglich, kann man Seelen retten Durch Erdenleid, dem man sich willig beut, Kann ich mein Schicksal an das ihre ketten: Gib deinen Kelch, o Herr, ich bin bereit!
Was will doch alles Erdenleiden sagen, Bedenk ich Leid und Freud der Ewigkeit! Was ich vermag, ich will es gerne tragen; Ich bin bereit, o Herr, ich bin bereit!
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Interpretation
Das Gedicht "Für die armen Seelen" von Annette von Droste-Hülshoff ist ein ergreifendes Plädoyer für die Fürbitte und Erlösung der Seelen im Fegefeuer. Die Dichterin betont die Vergänglichkeit des Lebens und die Dringlichkeit, sich rechtzeitig um das Seelenheil zu kümmern. Sie appelliert an die Barmherzigkeit Gottes und die Kraft des Gebets, um den armen Seelen zu helfen, die ihre Chance auf Erlösung im Leben verpasst haben. Das Gedicht ist geprägt von einer tiefen christlichen Überzeugung und dem Glauben an die Wirksamkeit des Gebets. Droste-Hülshoff ruft verschiedene Heilige und die Jungfrau Maria an, um für die armen Seelen zu bitten. Sie betont die Einheit aller Menschen als Geschöpfe Gottes und appelliert an die Solidarität der Heiligen mit den leidenden Seelen. Die Dichterin ist bereit, ihr eigenes Leid auf sich zu nehmen, um den Seelen im Fegefeuer zu helfen, und unterstreicht damit die Bedeutung von Opferbereitschaft und Nächstenliebe im christlichen Glauben. Das Gedicht endet mit einer kraftvollen Aussage der Bereitschaft, jegliches irdische Leid auf sich zu nehmen, um den Seelen im Fegefeuer zu helfen. Droste-Hülshoff betont die Bedeutung des ewigen Lebens und der Erlösung im Vergleich zu den vergänglichen Leiden auf Erden. Das Gedicht ist ein eindringlicher Appell an die Barmherzigkeit Gottes und die Kraft des Gebets, um den armen Seelen zu helfen, und zeigt die tiefe Frömmigkeit und den Glauben der Dichterin an die christliche Lehre von der Erlösung.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Hyperbel
- Zum Himmel führen tausend lichte Pfade
- Metapher
- Ich bin bereit, o Herr, ich bin bereit
- Personifikation
- Was Leben hat, das kennt die Zeit der Gnade