Frühlingslied des Rezensenten
1862Frühling ist′s, ich laß es gelten, Und mich freut′s, ich muß gestehen, Daß man kann spazieren gehen, Ohne just sich zu erkälten.
Störche kommen an und Schwalben, Nicht zu frühe, nicht zu frühe! Blühe nur, mein Bäumchen, blühe! Meinethalben, meinethalben!
Ja! ich fühl ein wenig Wonne, Denn die Lerche singt erträglich, Philomele nicht alltäglich, Nicht so übel scheint die Sonne.
Daß es keinen überrasche, Mich im grünen Feld zu sehen! Nicht verschmäh ich auszugehen, Kleistens Frühling in der Tasche.
Anhören
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht *Frühlingslied des Rezensenten* von Ludwig Uhland thematisiert die Freude und Leichtigkeit des Frühlings, aus der Perspektive eines Rezensenten, der sich normalerweise kritisch und distanziert gibt. Der Sprecher gesteht, dass er sich über das milde Wetter und die Möglichkeit freut, ohne Gefahr einer Erkältung spazieren zu gehen. Die Natur erwacht: Störche und Schwalben kehren zurück, und das Bäumchen wird aufgefordert zu blühen. Die Stimmung ist optimistisch, aber mit einem Hauch von Ironie, da der Sprecher sich selbst überrascht, dass er sich so positiv äußert. Im zweiten Teil des Gedichts beschreibt der Sprecher die Frühlingsklänge und -szenen, die ihn erfreuen: die Lerche singt "erträglich", die Nachtigall (Philomele) nicht alltäglich, und die Sonne erscheint nicht allzu schlecht. Diese Bewertungen sind bewusst zurückhaltend und humorvoll, da sie die übliche kritische Haltung des Rezensenten beibehalten, aber dennoch eine gewisse Zuneigung zum Ausdruck bringen. Der Sprecher scheint sich selbst zu überraschen, dass er sich so positiv über die Natur äußert. Im letzten Teil des Gedichts erklärt der Sprecher, dass er sich nicht scheut, im grünen Feld gesehen zu werden, und dass er Kleistens "Frühling" in der Tasche trägt. Dies könnte sich auf eine literarische Arbeit beziehen, möglicherweise auf ein Buch von Heinrich von Kleist, das er als Begleiter mit sich führt. Die Ironie liegt darin, dass der Rezensent, der sonst kritisch ist, nun selbst in die Natur geht und dabei ein literarisches Werk bei sich trägt, das möglicherweise ebenfalls kritisch betrachtet wurde. Das Gedicht endet mit einer Mischung aus Selbstironie und echtem Genuss am Frühling, die die typische Distanz des Rezensenten durchbricht.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Philomele nicht alltäglich
- Anapher
- Meinethalben, meinethalben!
- Hyperbel
- Nicht so übel scheint die Sonne
- Kontrast
- Nicht zu frühe, nicht zu frühe!
- Metapher
- Kleistens Frühling in der Tasche
- Personifikation
- Daß man kann spazieren gehen, Ohne just sich zu erkälten
- Wiederholung
- Frühling ist′s, ich laß es gelten