Frühlingsliebe

Johann Heinrich Voß

1751

Ostern 1783

Die Lerche sang, die Sonne schien, Es färbte sich die Wiese grün, Und braungeschwollne Keime Verschönten Büsch′ und Bäume: Da pflückt′ ich am bedornten See Zum Strauß ihr, unter spätem Schnee, Blau, rot und weißen Güldenklee. Das Mägdlein nahm des Busens Zier, Und nickte freundlich Dank dafür.

Nur einzeln grünten noch im Hain Die Buchen und die jungen Mai′n; Und Kresse wankt′ in hellen Umblümten Wiesenquellen: Auf kühlem Moose, weich und prall, Am Buchbaum, horchten wir dem Schall Des Quelles und der Nachtigall. Sie pflückte Moos, wo wir geruht, Und kränzte sich den Schäferhut.

Wir gingen atmend, Arm in Arm, Am Frühlingsabend, still und warm, Im Schatten grüner Schlehen Uns Veilchen zu erspähen: Rot schien der Himmel und das Meer; Mit einmal strahlte, groß und hehr, Der liebe volle Mond daher. Das Mägdlein stand und ging und stand, Und drückte sprachlos mir die Hand.

Rotwangicht, leichtgekleidet saß Sie neben mir auf Klee und Gras, Wo ringsum helle Blüten Der Apfelbäume glühten: Ich schwieg; das Zittern meiner Hand, Und mein bethränter Blick gestand Dem Mägdlein, was mein Herz empfand. Sie schwieg, und aller Wonn′ Erguß Durchströmt′ uns beid′ im ersten Kuß.

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Illustration zu Frühlingsliebe

Interpretation

Das Gedicht "Frühlingsliebe" von Johann Heinrich Voss erzählt in drei Strophen von der zarten und romantischen Begegnung zweier junger Menschen in der Natur des Frühlings. Die erste Strophe schildert, wie der Sprecher seiner Angebeteten einen Strauß Güldenklee pflückt, den sie dankbar als Schmuck annimmt. Die zweite Strophe beschreibt ein gemeinsames Verweilen an einem kühlen Moosplatz, wo die junge Frau Moos pflückt und sich damit ihren Schäferhut schmückt. In der dritten Strophe kommen sich die beiden bei einem Abendspaziergang näher, bis sie schließlich ihren ersten Kuss teilen. Das Gedicht vermittelt eine Stimmung von jugendlicher Verliebtheit und Zärtlichkeit. Die Natur wird als idyllischer Rahmen für die Begegnung der beiden Liebenden geschildert. Die Frühlingsbilder wie blühender Klee, Veilchen, Apfelbäume und der volle Mond verstärken die romantische Atmosphäre. Die junge Frau wird als unschuldig und schüchtern charakterisiert, die den Annäherungsversuchen des Sprechers zunächst zögerlich begegnet. Die Sprachbilder sind von einer zarten Sinnlichkeit durchdrungen, ohne jedoch ins Explizite abzugleiten. Voss gelingt es, die Gefühle der Verliebtheit und die Aufregung der ersten Annäherung sprachlich einfühlsam einzufangen. Die Natur dient als Spiegel der innerlichen Gefühlswelt. Die "Frühlingsliebe" ist ein typisches Beispiel für die empfindsamen und galanten Liebesgedichte der Zeit, die die zarte Sinnlichkeit und die ungestümen Gefühle der Jugend besingen.

Schlüsselwörter

mägdlein schien rot arm stand hand schwieg ostern

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
blau, rot und weißen Güldenklee
Bildsprache
Der Apfelbäume glühten
Enjambement
Sie pflückte Moos, wo wir geruht, Und kränzte sich den Schäferhut
Kontrast
Rot schien der Himmel und das Meer
Metapher
Rotwangicht, leichtgekleidet
Personifikation
Die Lerche sang, die Sonne schien
Stellvertretende Rede
Das Mägdlein stand und ging und stand, Und drückte sprachlos mir die Hand
Symbolik
erster Kuß