Frühlingsliebe

Joseph Christian von Zedlitz

1790

Ich stand, ein dürrer Baum, Vom Winterfrost entlaubet, Im eingehegten Raum, All meines Schmucks beraubet; Da hat mit lindem Kusse Mich Liebeslenz berührt, Und mit dem süßen Gruße Mir Leben zugeführt!

Und alle Knospen, seht, Sie sind nun aufgeweht, Und überdeckt mit Blüthen Steh’ ich in Maienpracht, Vom Licht hell angelacht, Und möcht’ mit allen Zweigen Mich hin zur Liebsten neigen! –

Sie steht, ein andrer Baum, Entfernt im Gartenraum, Am Tage ist sie still, Doch kommt die Nacht, im Düstern Hör’ ich sie leise flüstern, Und frage, was sie will?

Da, durch die kühle Ruh’, Haucht sie mir lispelnd zu: »Fühlst Du wie ich ein Sehnen, Fühlst Du der Trennung Harm? Fühlst Du wie ich ein Drängen, Am Herzen Herz zu hängen, Am Arm verstrickt in Arm?«

Und wie wir kosen, klagen, Und Eins dem Andern sagen, Wie wir, so nah’ uns gern, Doch immerdar so fern: Da hebt sich sanft und lind Ein Lüftchen, und wir lauschen Entzückt dem süßen Rauschen!

Und Lüftchen eilt geschwind, Auf seinen Schwingen bringt Den Staub es meiner Blumen Zu Liebchens Heiligthumen, Und süßer Schauer dringt Vom Stamm nach allen Zweigen!

»Mein bist Du!« rauscht es nieder – »Und ewig ich Dein eigen!« So tönt es hin und wieder; Und Thrän’ auf Thräne hell, Die wir entzücket weinen, Wir sehen sie versteinen Zu duft’gem Harze schnell! – Die Sterne aber sehen In wonnesel’ger Nacht Die zarteste der Ehen Geheimnisreich vollbracht! –

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Illustration zu Frühlingsliebe

Interpretation

Das Gedicht "Frühlingsliebe" von Joseph Christian von Zedlitz beschreibt die Erweckung und Vereinigung zweier Bäume im Frühling durch die Kraft der Liebe. Der lyrische Ich-Erzähler, ein zuvor kahler und frostgeschädigter Baum, erfährt durch den Kuss der Liebe im Frühling eine Wiedergeburt und blüht auf. Er sehnt sich danach, sich seiner Liebsten zuzuwenden. Die zweite Strophe stellt die Geliebte des Erzählers vor, einen anderen Baum im Garten. Während des Tages ist sie still, doch in der Nacht flüstert sie leise und fragt den Erzähler, ob er ihre Sehnsucht und das Leid der Trennung spürt. Sie möchte, dass sich ihre Herzen und Arme berühren und verstricken. In der dritten Strophe treffen sich die beiden Bäume in einem zärtlichen Kuss und gestehen einander ihre Liebe. Ein sanfter Windhauch trägt den Blütenstaub des Erzählersbaums zu seiner Liebsten. Sie weinen vor Entzückung und ihre Tränen verwandeln sich in duftendes Harz. Die Sterne bezeugen voller Freude die zarte Vereinigung der beiden Bäume in der Nacht.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Metapher
Die zarteste der Ehen Geheimnisreich vollbracht
Personifikation
»Mein bist Du!« rauscht es nieder – »Und ewig ich Dein eigen!« So tönt es hin und wieder