Frühlingsgesang
1822Das Leben ist erstanden Mit Glanz und Frühlingspracht Das hat aus starren Banden Die Liebe frei gemacht.
Die Blütenkeime treiben Zum Himmel unbewußt — Wer mag zu Hause bleiben, Wenn draußen solche Lust!
Lebt wol, ihr welken Blätter, Ihr Worte kalt und grau- Lebendiges Geschmetter Lockt nun in grüner Au.
Leb wol du tote Feder Mit deinem schwarzen Gift Geweihtere hat jeder Zaunkönig auf der Trift.
Viel größre Weisheit flüstert Wol jedes Blatt am Baum, Als mir entgegendüstert Aus engem Bücherraum.
Leb wol, leb wol Gesinge, Vom Gänsekiel geweiht, Leb wol, du tote Schwinge, Du Bücherseligkeit! —
Doch kehr ich einmal wieder, Wenn Strauch und Baum entlaubt, Dann seh ich traurig nieder Mit tiefgesenktem Haupt.
Dann will ich wieder blättern In sehnsuchtvoller Qual, Ob noch nicht aus den Wettern Befreit der Sonnenstral;
Ob noch nicht aufgeschossen Des Geistes grüne Saat, Ob noch nicht, glanzumflossen, Der Völkerfrühling naht.
Dann will ich wieder singen Der Sehnsucht vollen Drang Mit toten Federschwingen Lebendigen Gesang.
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Interpretation
Das Gedicht "Frühlingsgesang" von Hermann Rollett thematisiert die Erneuerung des Lebens und die Befreiung aus starren, geistigen Fesseln. Der Frühling wird als Zeit des Erwachens und der Lebendigkeit dargestellt, die die Liebe und die Natur in voller Pracht erstrahlen lässt. Die Bilder der blühenden Pflanzen und der lockenden Klänge symbolisieren die unwiderstehliche Anziehungskraft des Lebens und der Freiheit. In der zweiten Strophe wendet sich der Sprecher von der kalten, toten Welt der Bücher und des geschriebenen Wortes ab. Er verabschiedet sich von der "toten Feder" und dem "schwarzen Gift" der geschriebenen Worte, die im Vergleich zur Weisheit der Natur als begrenzt und leblos erscheinen. Die Natur, repräsentiert durch die Blätter an den Bäumen, besitzt eine größere Weisheit und Lebendigkeit als die engen Grenzen des Bücherraums. Das Gedicht schließt mit einer Rückkehr des Sprechers in die Welt der Bücher und des geschriebenen Wortes, jedoch nicht ohne die Sehnsucht nach dem Frühling und der Erneuerung. Der Sprecher will erneut "blättern" und nach Anzeichen des kommenden Frühlings suchen, sowohl in der Natur als auch im Geist der Völker. Er will den "Drang der Sehnsucht" mit "toten Federschwingen" in einen "lebendigen Gesang" verwandeln, was die Verschmelzung von toten Worten und lebendiger Natur symbolisiert.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- Mit toten Federschwingen lebendigen Gesang
- Personifikation
- Das hat aus starren Banden die Liebe frei gemacht
- Rhetorische Frage
- Wer mag zu Hause bleiben, wenn draußen solche Lust!