Frühlingsgebet

Friedrich Adler

1857

Wieder wallen die süßen Lüfte Und den farbigen Brautkranz Flicht die Erde, die ewig junge Wieder in′s perlenglitzernde Haar; Aufleuchtend erglüht Zu neuer Freude das Auge, Das zum Staube sich trüb′ gesenkt; Hoffend wendet das Herz sich Der Zukunft zu, Die sich golden aufthut, Und auf die Lippen drängt, Innig geflüstert Sich das tiefste Gebet der Seele.

Selten in Herz Ist der fröhliche Lenz gekehrt, Und meine Blüthen Hast du mit Schauer umweht und Frost, Finster waltendes Schicksal: Hast mich früh hinausgedrängt, Mit dem Leben zu kämpfen, Und strenge Nothwendigkeit Verscheuchte die süßen Bilder, Welche die Dichtung spinnt, Die sorgenlose, die ewig Heitere Göttin.

Gabst du den Kampf, ich habe gekämpft! Wirst du die Sonne mir verhüllen, Im Dunkel werd′ ich suchen den Weg – Eins nur begehre ich. Laß mir die Seele frei von Bitterniß, Daß mir immer traut und verständlich Die Sprache sei, Die der Mai spricht, Daß keine Rose vergebens Den köstlichen Hauch mir entgegenwehe, Kein Lied, Das freier Kehle wirbelnd entsteigt, Ungehört an das Ohr mir schlage …

Laß mir die Seele frei von Neid, Laß mich glücklichere Lippen Schlürfen seh′n der Freude Labetrunk Und dann ruhig zurückkehren Unter die Last der Arbeit, In den eisernen Dienst der Pflicht.

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Illustration zu Frühlingsgebet

Interpretation

Das Gedicht "Frühlingsgebet" von Friedrich Adler beschreibt die Erneuerung und Hoffnung, die der Frühling mit sich bringt. Es schildert, wie die Erde sich wieder in frischem Grün kleidet und die Natur zu neuem Leben erwacht. Der Dichter drückt seine Sehnsucht nach Freiheit und Schönheit aus und bittet um die Fähigkeit, die Sprache des Mai zu verstehen und die Gaben der Natur zu schätzen. Im zweiten Teil des Gedichts reflektiert Adler über die Herausforderungen des Lebens. Er beschreibt, wie das Schicksal ihm frühzeitig den Kampf mit dem Leben auferlegt hat und die sorglosen Bilder der Dichtung vertrieben hat. Trotzdem betont er seine Entschlossenheit, weiterzukämpfen und den Weg auch im Dunkeln zu suchen. Im letzten Teil des Gedichts richtet der Dichter ein Gebet an das Schicksal. Er bittet darum, dass seine Seele frei bleibt von Bitterkeit und Neid. Er wünscht sich die Fähigkeit, die Freude anderer zu sehen und trotzdem ruhig zu seiner eigenen Arbeit und Pflicht zurückzukehren. Das Gedicht endet mit der Hoffnung, dass er die Schönheit der Natur und die Freude anderer schätzen kann, ohne von negativen Gefühlen überwältigt zu werden.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Metapher
In den eisernen Dienst der Pflicht
Personifikation
Schlürfen seh'n der Freude Labetrunk