Frühling in Griechenland

Adolf Friedrich Graf von Schack

1844

Nun zieht in die Fluten der Schiffer den Kiel; Heim kehren die zwitschernden Schwalben vom Nil Zu ihren geliebten Cykladen, Und jauchzend, erwacht aus dem Wintertraum, Durchflattert die Möwe den spritzenden Schaum An allen den Inselgestaden.

Am duft′gen Hymettus von neuem umsummt Der Chor der Bienen, der lange verstummt, Des Ginsters goldene Blüten; Und es wacht in der milderen Nacht des April Am Bach im Gestäude von Asphodill Der Hirt, um die Herde zu hüten.

O Hellas! Ruhn, der Jahrtausende Raub, Auch deine Tempel in Trümmer und Staub Der Völkerstürme gebettet, Dich hat aus dem leuchtenden Morgen der Welt Dein Genius, ein unsterblicher Held, Zu uns herübergerettet.

Noch singt den ewigen Siegespäan An Salamis′ Ufern der Ocean Mit der Wogen melodischen Lippen, Und, brausend um des Themistokles Grab, Erweckt er das Echo von Kap zu Kap Weithin an den Inseln und Klippen.

Hoch über Asiens Berge heran Führt Helios der strahlenden Rosse Gespann Und grüßt sein liebstes der Länder; Auf Hügeln wird es, auf Fluren wach; Im Myrtengebüsch, am stürzenden Bach, Was schimmern so weiß die Gewänder?

Die Jungfraun sind es, die heiligen neun, Die auf Erden die Saat des Schönen verstreun, Die Trägerinnen der Leier; Neu lassen die Thäler sie blühen, die Höhn, Und singen zu bebender Saiten Getön Der hohen Unsterblichen Feier.

Nicht ist gestorben der alte Pan; Entschlafen auf grünendem Wiesenplan Nur war er, von Ulmen beschattet, Und bei der Syrinx ersterbendem Ton Auch senkten das Haupt, bekränzt mit Mohn, Die anderen Götter ermattet.

Nachtdüstre Dämonen umklammerten kalt, Wie der Alp in die Brust des Schläfers sich krallt, Der Menschen geängstete Seelen, Und sie träumten, anstatt vom lichten Parnaß, Von blutenden Heiligen, leichenblaß, Von Kreuzen und Marterpfählen.

Doch als die Nacht und der Winter entfloh, Aufschlugen den Blick sie und lächelten froh In des Himmels selige Bläue, Und mit den Fluren, den Strömen, dem Hain Erwachten im goldenen Frühlingsschein Die hohen Olympier aufs neue.

Und versinken im rastlos flutenden Schwall Der Zeit auch die anderen Götter all, Die Kirchen und die Moscheen, Sie haben sich, ihr seit der Kindheit vertraut, Im Herzen der Menschheit den Tempel gebaut Und können mit ihr nur vergehen!

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Illustration zu Frühling in Griechenland

Interpretation

Das Gedicht "Frühling in Griechenland" von Adolf Friedrich Graf von Schack ist eine lyrische Hommage an die Schönheit und die zeitlose Bedeutung Griechenlands. Der Frühling wird als eine Jahreszeit der Erneuerung und des Erwachens dargestellt, die nicht nur die Natur, sondern auch die Seele des Landes und seiner Menschen belebt. Schack verwendet lebendige Bilder, um die Rückkehr der Schwalben, das Summen der Bienen und das Erwachen der Hirten zu beschreiben, was die Wiederkehr des Lebens und der Aktivität symbolisiert. Das Gedicht betont die Unsterblichkeit des griechischen Geistes und seiner Kultur, trotz der physischen Zerstörung seiner Tempel. Schack verweist auf historische Ereignisse wie die Schlacht von Salamis und die Heldenhaftigkeit des Themistokles, um die anhaltende Präsenz und den Einfluss des griechischen Erbes zu unterstreichen. Die Musen, als Trägerinnen der Schönheit und der Künste, werden als aktive Kräfte dargestellt, die die Landschaft und die Kultur Griechenlands beleben und erneuern. Schack kontrastiert die dunklen, bedrückenden Kräfte der Nacht und des Winters mit der erlösenden Kraft des Frühlings, die die alten Götter und die olympische Pracht wieder auferstehen lässt. Das Gedicht schließt mit der Aussage, dass die griechischen Götter, im Gegensatz zu den Göttern anderer Religionen, einen festen Platz im Herzen der Menschheit gefunden haben. Ihre Unsterblichkeit ist an die Menschheit selbst gebunden, und solange die Menschheit existiert, werden auch die griechischen Götter und ihre Ideale weiterleben.

Schlüsselwörter

nacht bach tempel kap fluren heiligen hohen anderen

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
„Heim kehren die zwitschernden Schwalben vom Nil“
Hyperbel
„Und versinken im rastlos flutenden Schwall / Der Zeit auch die anderen Götter all“
Metapher
„O Hellas! Ruhn, der Jahrtausende Raub, / Auch deine Tempel in Trümmer und Staub“
Personifikation
„Nicht ist gestorben der alte Pan“
Symbolik
„Die Jungfraun sind es, die heiligen neun“