Früher Apollo

Rainer Maria Rilke

1906

Wie manches Mal durch das noch unbelaubte Gezweig ein Morgen durchsieht, der schon ganz im Frühling ist: so ist in seinem Haupte nichts, was verhindern könnte, daß der Glanz

aller Gedichte uns fast tödlich träfe; denn noch kein Schatten ist in seinem Schaun, zu kühl für Lorbeer sind noch seine Schläfe, und später erst wird aus den Augenbraun

hochstämmig sich der Rosengarten heben, aus welchem Blätter, einzeln, ausgelöst hintreiben werden auf des Mundes Beben,

der jetzt noch still ist, niegebraucht und blinkend und nur mit seinem Lächeln etwas trinkend, als würde ihm sein Singen eingeflößt.

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Illustration zu Früher Apollo

Interpretation

Das Gedicht "Früher Apollo" von Rainer Maria Rilke beschreibt die frühe, noch unentwickelte Gestalt des griechischen Sonnengottes Apollo. Es verwendet das Bild eines unbelaubten Baumes, durch den man den schon ganz im Frühling stehenden Morgen sieht, um Apollos noch unbeschriebenes Antlitz zu veranschaulichen. Sein Haupt ist noch frei von jeglichem Schatten, was die Reinheit und Unschuld seiner Gestalt unterstreicht. Die Schläfen sind zu kühl für den Lorbeer, das Symbol der dichterischen Inspiration, was darauf hindeutet, dass Apollos dichterische Fähigkeiten noch nicht voll ausgereift sind. Die Augenbrauen werden als Garten beschrieben, aus dem sich später die Rosen erheben werden. Dieses Bild symbolisiert die Entfaltung von Apollos dichterischer Kraft und Schönheit. Die Rosenblätter, die einzeln ausgelöst werden und auf des Mundes Beben hin treiben, stehen für die Worte und Verse, die Apollo später sprechen und singen wird. Der Mund selbst ist noch still, unbenutzt und glänzend, wie ein Instrument, das darauf wartet, bespielt zu werden. Das Lächeln Apollos wird als etwas beschrieben, das trinkt, als würde ihm sein Singen eingeflößt. Dieses Bild vermittelt die Vorstellung, dass Apollos dichterische Fähigkeit eine natürliche, fast instinktive Gabe ist, die aus ihm selbst heraus entsteht und nicht erlernt oder erzwungen werden kann. Das Gedicht zeichnet somit ein Bild der Reinheit, Unschuld und unentdeckten Möglichkeiten, die in der frühen Gestalt des Apollon liegen, und deutet gleichzeitig auf die spätere Entfaltung seiner dichterischen und künstlerischen Kräfte hin.

Schlüsselwörter

manches unbelaubte gezweig morgen durchsieht ganz frühling haupte

Wortwolke

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Stilmittel

Metapher
und nur mit seinem Lächeln etwas trinkend, als würde ihm sein Singen eingeflößt
Personifikation
denn noch kein Schatten ist in seinem Schaun
Vergleich
so ist in seinem Haupte nichts, was verhindern könnte, daß der Glanz aller Gedichte uns fast tödlich träfe