Frowe, enlât iuch niht verdriezen
unknownFrowe, enlât iuch niht verdriezen miner rede, ob si gefüege sî. möhte ichs wider iuch geniezen. sô waer ich den besten gerne bî. wizzet daz ir schoene sît: hât ir, als ich mich verwaene, güete bî der wolgetaene, waz danne an iu einer êren lît!
′Ich wil iu ze redenne gunnen (sprechent swaz ir welt), obe ich niht tobe. daz hât ir mir an gewunnen mit dem iuwern minneclîchen lobe. ichn weiz obe ich schoene bin, gerne hete ich wîbes güete. lêret mich wiech die behüete: schoener lîp entouc niht âne sin.′
Frowe, daz wil ich iuch lêren, wie ein wip der werlte leben sol. guote liute sult ir êren, minneclîch an sehen und grüezen wol: eime sult ir iuwern lîp geben für eigen, nement den sînen. frowe, woltent ir den mînen, den gaeb ich umb ein sô schoene wîp.
′Beide schowen unde grüezen, swaz ich mich dar an versûmet hân, daz wil ich vil gerne büezen. ir hânt hovelîch an mir getân: tuont durch mînen willen mê, sît niht wan mîn redegeselle. in weiz nieman dem ich welle nemen den lîp: ez taete im lihte wê.′
Frowe, lânt michz alsô wâgen: ich bin dicke komen ûz groezer nôt: unde lânts iuch niht betrâgen: stirbe ab ich, sô bin ich sanfte tôt. ′hêrre, ich wil noch langer leben. lîhte ist iu der lîp unmaere: waz bedorfte ich solher swaere, solt ich mînen lîp umb iuwern geben?′
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Interpretation
Das Gedicht "Frowe, enlât iuch niht verdriezen" von Walther von der Vogelweide ist ein Minnelied, das die Themen Liebe, Schönheit und die Rolle der Frau in der Gesellschaft behandelt. Der Sprecher, vermutlich ein Ritter oder Adliger, wendet sich an eine Frau, die er als "Frowe" bezeichnet, was auf einen höfischen Kontext hinweist. Er bittet sie, sich nicht über seine Worte zu ärgern, selbst wenn sie unpassend erscheinen mögen, da er bereit wäre, bei ihr zu sein, wenn er sie zurückgewinnen könnte. Er betont ihre Schönheit und Güte und fragt, was sie daran hindern könnte, ihn zu ehren. In der zweiten Strophe antwortet die Frau, indem sie dem Sprecher das Recht gibt, frei zu sprechen, solange er nicht übermäßig leidenschaftlich wird. Sie hat durch ihre lieblichen Lobpreisungen bereits etwas gewonnen und ist sich ihrer eigenen Schönheit nicht sicher. Sie wünscht sich die Güte einer Frau und bittet darum, in der Kunst der Verführung unterrichtet zu werden, da ein schöner Körper ohne Sinn nicht ausreicht. Die dritte Strophe enthält die Lehre des Sprechers darüber, wie eine Frau in der Welt leben sollte. Er rät ihr, gute Menschen zu ehren, lieblich zu sein und freundlich zu grüßen. Er schlägt vor, dass sie ihren Körper für sich selbst behalten sollte, anstatt ihn jemand anderem zu geben. Als Gegenleistung bietet er ihr einen ebenso schönen Mann an. In der vierten Strophe antwortet die Frau erneut und verspricht, sowohl zu schauen als auch zu grüßen, was sie zuvor vernachlässigt hat. Sie will dies gerne wiedergutmachen, da der Sprecher ihr gegenüber großzügig war. Sie bittet ihn, weiterhin ihren Willen zu tun und nicht von ihrem Gesprächspartner abzuweichen. Sie betont, dass niemand ihren Körper haben kann, da es ihm leicht Schmerzen bereiten würde. Die letzte Strophe ist eine Fortsetzung der Bitte des Sprechers, der die Frau auffordert, ihn so wagen zu lassen. Er ist aus großer Not gekommen und bittet sie, ihn nicht zu betrügen. Er sagt, dass er sterben würde, wenn er von ihr verlassen würde, was ein sanfter Tod wäre. Die Frau antwortet, dass sie noch länger leben möchte. Sie findet seinen Körper unbeschwert und fragt, warum sie einen solchen Aufwand betreiben sollte, um ihren Körper für seinen zu geben.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- beide schowen unde grüezen
- Anapher
- Frowe, enlât iuch niht verdriezen / miner rede, ob si gefüege sî
- Hyperbel
- den gaeb ich umb ein sô schoene wîp
- Kontrast
- guote liute sult ir êren, / minneclîch an sehen und grüezen wol
- Metapher
- hêrre, ich wil noch langer leben
- Personifikation
- stirbe ab ich, sô bin ich sanfte tôt
- Rhetorische Frage
- waz danne an iu einer êren lît!
- Wiederholung
- wizzet daz ir schoene sît