Fröhlich, zärtlich, lieblich

Oswald von Wolkenstein

1377

I

Fröhlich, zärtlich, lieblich und klärlich, anmutig, still und leise, in sanfter, süßer, keuscher, träger Weise erwache, du liebenswertes, schönes Weib, reck, streck, zeig deinen zarten, prächtigen Leib! Schließ auf deine hellen Äuglein so klar! Heimlich nimm′s wahr, wie sich verliert der Sternengarten in der schönen, heitren, klaren Sonne Glanz. Wohl auf zum Tanz! Flicht uns einen schönen Kranz der leucht von braunen, blauen, grauen, gelb-rot-weißen, violetten Blümlein ganz.

II

Sanft sich öffnen, schmeicheln, lispeln, wispern, flüstern in süßen Sprachen von ergötzlichen, guten, reinen Sachen soll dein voller roter Mund der so lieblich mein Herz hat entzündet und mich fürwahr schon tausendmal geweckt, freundlich aufgeschreckt aus des Schlafes Traum, wenn ich geschaut einen so wohlgeformten, roten, engen Spalt, in des Lächelns Gestalt, Zähnchen weiß darin gereiht, Lippen nippen koslich roslich, sind so hell, herrlich hingemalt.

III

Wollt sie, sollt sie, würd sie und käm sie, nähm sie meinem Herzen die sehnsuchtsvollen, großen, harten Schmerzen, und ein Brüstlein weiß darauf gedrückt, seht, so leichthin wär mein Trauern ferngerückt. Wie könnt ein zartes, liebes Mädchen fröhlicher wohl schmücken das Herze mein ohn arge Pein mit so wonnevoller, zarter, reiner Lust? Mund Mündlein geküsst, Zung an Zünglein, Brüstlein an Brust, Bauch an Bäuchlein, Busch an Büschlein, schnell mit Eifer nur munter gedrückt.

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Illustration zu Fröhlich, zärtlich, lieblich

Interpretation

Das Gedicht "Fröhlich, zärtlich, lieblich" von Oswald von Wolkenstein ist ein mittelalterliches Minnelied, das die Anbetung und Verehrung einer schönen Frau zum Ausdruck bringt. Der Dichter beschreibt die Frau als fröhlich, zärtlich, lieblich und klar, wobei er ihre Schönheit und Anmut in den Mittelpunkt stellt. Die Sprache ist voller sinnlicher Bilder und Metaphern, die die Bewunderung des Dichters für die Frau zum Ausdruck bringen. Im ersten Teil des Gedichts ruft der Dichter die Frau auf, aufzuwachen und ihren zarten, prächtigen Körper zu zeigen. Er beschreibt, wie sich die Sterne in der Sonne verlieren und fordert die Frau auf, zum Tanz aufzubrechen. Die Sprache ist voller positiver Attribute wie "braun", "blau", "grau", "gelb-rot-weiß" und "violett", die die Vielfalt und Schönheit der Frau betonen. Im zweiten Teil des Gedichts beschreibt der Dichter die Lippen der Frau als voller roter Mund, der sein Herz entzündet hat. Er erwähnt, wie oft er von der Frau geweckt wurde und wie er ihre Zähne und Lippen bewundert. Die Sprache ist hier noch sinnlicher und intimer, wobei der Dichter die Schönheit der Frau in allen Details beschreibt. Im dritten Teil des Gedichts drückt der Dichter seinen Wunsch aus, die Frau zu umarmen und zu küssen. Er beschreibt, wie er ihre Brüste und ihren Bauch berühren möchte und wie er sich nach ihrer Zärtlichkeit sehnt. Die Sprache ist hier sehr explizit und sexuell, wobei der Dichter seine Leidenschaft und Begierde für die Frau zum Ausdruck bringt. Insgesamt ist das Gedicht ein Beispiel für die mittelalterliche Minnepoik, die die Schönheit und Anmut der Frau in den Mittelpunkt stellt und ihre Verehrung und Anbetung zum Ausdruck bringt.

Schlüsselwörter

lieblich schönen mund weiß brüstlein gedrückt fröhlich zärtlich

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Fröhlich, zärtlich, lieblich und klärlich
Anapher
Fröhlich, zärtlich, lieblich und klärlich, anmutig, still und leise
Aufzählung
braunen, blauen, grauen, gelb-rot-weißen, violetten Blümlein ganz
Bildsprache
voller roter Mund der so lieblich mein Herz hat entzündet
Hyperbel
und mich fürwahr schon tausendmal geweckt
Kontrast
Mund Mündlein geküsst, Zung an Zünglein, Brüstlein an Brust, Bauch an Bäuchlein, Busch an Büschlein
Metapher
Sternengarten in der schönen, heitren, klaren Sonne Glanz
Parallelismus
Flicht uns einen schönen Kranz der leucht von braunen, blauen, grauen, gelb-rot-weißen, violetten Blümlein ganz
Personifikation
erwache, du liebenswertes, schönes Weib
Rhetorische Frage
Wie könnt ein zartes, liebes Mädchen fröhlicher wohl schmücken das Herze mein ohn arge Pein mit so wonnevoller, zarter, reiner Lust?