Frisch bey der Liebe!
1.
Die Liebe lehrt im finstern gehen,
sie lehret an der Tühr uns stehen,
sie lehrt uns geben manche Zeichen
ihr süß′ Vergnügen zu erreichen.
2.
Sie lehrt auff Kunst-gemachten Lettern
zur Liebsten Fenster ein zu klettern,
die Liebe weiß ein Loch zu zeigen
in ein verriegelt Hauß zu steigen.
3.
Sie kann uns unvermerket führen
durch so viel wolverwahrte Tühren,
den Tritt kan sie so leise lehren,
die Mutter solt′ auff Kazzen schweeren.
4.
Die Liebe lehrt den Atem hemmen,
sie lehrt den Husten uns beklemmen,
sie lehrt das Bette sacht auffheben,
sie lehrt uns stille Küßgen geben.
5.
Diß lehrt und sonst vielmehr das Lieben.
Doch willstu dich im Lieben üben:
so muß die Faulheit stehn bey seite,
die Lieb′ erfordert frische Leute.
6.
Wer lieben will und nichts nicht wagen,
wer bey dem Lieben will verzagen:
der lasse Lieben unterwegen.
Der Brate fleugt uns nicht entgegen.
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Frisch bey der Liebe!“ von Kaspar Stieler ist eine humorvolle und lebensnahe Anweisung in die Kunst der Liebe und des Verliebtseins. Es beschreibt, in welchen Bereichen die Liebe uns „lehrt“ – von der heimlichen Kontaktaufnahme bis hin zu den kleinen Tricks, die notwendig sind, um die Zuneigung der Angebeteten zu erlangen. Die zentrale Botschaft des Gedichts ist, dass Liebe Anstrengung und Mut erfordert.
Die ersten vier Strophen widmen sich den „Lehren“ der Liebe, die sich hauptsächlich im Bereich der heimlichen Aktivitäten abspielen. Die Liebe lehrt uns, im Dunkeln zu gehen, vor der Tür zu stehen und Zeichen zu geben (Strophe 1). Sie zeigt uns, wie wir über kunstvolle Briefe das Fenster der Geliebten erklimmen, wie man in verschlossene Häuser gelangt (Strophe 2) und wie man unbemerkt durch Türen schlüpft (Strophe 3). Sie lehrt uns sogar, wie man den Atem anhält, den Husten unterdrückt und leise küsst (Strophe 4). Diese Verse malen ein Bild von heimlicher, verwegener Liebe, die durch List und Geschick gekennzeichnet ist. Die Metaphern und Übertreibungen machen diese Lehren spielerisch und humorvoll.
Die fünfte Strophe bildet eine Art Fazit, indem sie zusammenfasst, dass die Liebe uns noch viel mehr lehrt. Hier kommt auch die zentrale Botschaft des Gedichts zum Tragen: Wer sich in der Liebe üben will, muss die Faulheit beiseite legen, denn die Liebe verlangt „frische Leute.“ Diese Aufforderung unterstreicht, dass Liebe aktiv betrieben werden muss und Mut sowie Einsatz erfordert.
Die sechste und letzte Strophe fasst die Konsequenzen des mangelnden Einsatzes zusammen. Wer nicht wagt und in der Liebe zögert, sollte das Lieben ganz lassen. Das Bild des Bratens, der uns nicht entgegenfliegt, ist hierbei eine klare Warnung: Wer sich nicht anstrengt, wird auch keine Belohnung erhalten. Dieses Gedicht ist somit eine charmante Anleitung zum Liebesspiel, die Mut und Tatkraft als entscheidende Faktoren für den Erfolg in der Liebe hervorhebt. Es feiert die List, das Versteckspiel und die heimlichen Momente, die oft mit den ersten Schritten im Liebesleben einhergehen, und erinnert gleichzeitig daran, dass Liebe ohne Einsatz nicht zu haben ist.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.