Friedrich Rotbart

Emmanuel Geibel

1831

Tief im Schoße des Kyffhäusers, Bei der Ampel rotem Schein Sitzt der alte Friedrich An dem Tisch von Marmorstein.

Ihn umwallt der Purpurmantel, Ihn umfängt der Rüstung Pracht; Doch auf seinen Augenwimpern Liegt des Schlafes tiefe Nacht.

Vorgesunken ruht das Antlitz, Drin sich Ernst und Milde paart; Durch den Marmortisch gewachsen ist sein langer, goldner Bart.

Rings wie ehrne Bilder stehen Seine Ritter um ihn her, Harnischglänzend, schwertumgürtet, aber tief im Schlaf wie er.

Heinrich auch, der Ofterdinger, Ist in ihrer stummen Schar, Mit den liederreichen Lippen, mit dem blondgelockten Haar.

Seine Harfe ruht der Sänger In der Linken ohne Klang; Doch auf seiner hohen Stirne Schläft ein künftiger Gesang.

Alles schweigt, nur hin und wieder Fällt ein Tropfen vom Gestein, Bis der große Morgen plötzlich Bricht mit Feuersglut herein;

Bis der Adler stolzen Fluges Um des Berges Gipfel zieht, Dass vor seines Fittichs Rauschen Dort der Rabenschwarm entflieht.

Aber dann, wie ferner Donner, Rollt es durch den Berg herauf, Und der Kaiser greift zum Schwerte, Und die Ritter wachen auf.

Laut in seinen Angeln dröhnend, Tut sich auf das ehrne Thor; Barbarossa mit den Seinen Steigt im Waffenschmuck empor.

Auf dem Helm trägt er die Krone Und den Sieg in seiner Hand; Schwerter blitzen, Harfen klingen, Wo er schreitet durch das Land.

Und dem alten Kaiser beugen Sich die Völker allzu gleich, Und aufs neu in Aachen gründet Er das heil’ge deutsche Reich.

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Illustration zu Friedrich Rotbart

Interpretation

Das Gedicht "Friedrich Rotbart" von Emmanuel Geibel ist eine romantische Verarbeitung der Barbarossa-Sage. Es schildert den schlafenden Kaiser Friedrich I., genannt Barbarossa, der in einer Höhle im Kyffhäuser-Berg auf seine Auferstehung wartet. Die bildhafte Sprache und die mystische Atmosphäre unterstreichen die Legende von der Wiederkehr des Kaisers, der Deutschland aus der Not erlösen soll. Im ersten Teil des Gedichts wird die Szene in der Kyffhäuser-Höhle detailliert beschrieben. Der Kaiser sitzt an einem Marmortisch, umgeben von seinen schlafenden Rittern, darunter auch der Minnesänger Heinrich von Ofterdingen. Die Beschreibung des schlafenden Kaisers mit dem langen, goldenen Bart, der durch den Tisch gewachsen ist, symbolisiert die lange Dauer seines Schlafs und die Verbundenheit mit dem Reich. Der zweite Teil des Gedichts beschreibt den Moment des Erwachens. Der "große Morgen" und der Flug des Adlers kündigen das Ende des Schlafs an. Die Ritter erwachen, und Barbarossa ergreift sein Schwert. Die Öffnung des ehernen Tores und der Aufstieg des Kaisers mit seinen Rittern symbolisieren den Beginn einer neuen Ära. Mit Krone und Sieg zieht Barbarossa durchs Land, und die Völker beugen sich vor ihm. Das Gedicht endet mit der Gründung des "heiligen deutschen Reiches" in Aachen, was auf die Erneuerung und Stärkung des Reiches unter der Führung Barbarossas hindeutet. Insgesamt vermittelt das Gedicht eine romantische und patriotische Stimmung, die die Sehnsucht nach nationaler Einheit und Stärke im 19. Jahrhundert widerspiegelt. Die Legende von Barbarossa dient als Metapher für die Hoffnung auf eine bessere Zukunft Deutschlands.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Alles schweigt, nur hin und wieder
Metapher
Er das heil'ge deutsche Reich
Personifikation
Tief im Schoße des Kyffhäusers