Friedenstempel

Wilhelm Friedrich Waiblinger

1893

Wirklich, des Friedens Tempel ist noch der Tempel des Friedens, Und die heutige Welt schließt an die alte sich an. Wo der Römer bejahte, da hört man »Yes Sir« die Menge, Und im Tempel geht′s noch leidlich und »very well« zu.

Was, wo das Alterthum dem Frieden Altäre geweihet, Trägt die Nachwelt des Streits glühende Fackel hinein? Welch ein Geräusch? Ist Marius wieder, ist Cäsar gekommen, Droht Catilina mit Tod, Feuer und Knechtschaft der Stadt? Um Vergebung, der Tag ist zu heiß, und ein Haufen Minenti Findet′s im Heiligthum selber zum Mora bequem.

Auch auf der Vorwelt Grab erblüht noch lebendige Schönheit, Und aus gebrochnem Gestein äugeln noch Blümchen hervor. Jene Tage sind hin, wo der Mensch sich in rühmlichem Frieden Mit dem Bruder, sich selbst, und den Unsterblichen sah. Freilich hat die zerstörende Zeit mit den stärkeren Menschen Ihre Werke, sogar Tempel und Gräber zerstört, Und das gewaltige Haus des Friedens stürzte zu Trümmer, Aber den Trümmern umblüht Lorbeer und Myrthe die Stirn.

Friedenstempel, du bist vor allem nah mir am Herzen, Ach dein Schicksal hab′ ich mehr, als mir gut war, gefühlt. Einst auch wölbte sich mir ein seliger Himmel voll Frieden, Und mein glückliches Herz war ihm zum Tempel geweiht. Nur dem verwandten Gemüth ersteigt aus der düstern Ruine Tief in den Schatten der Nacht wieder der magische Bau. Doch die kleinliche Welt hängt gleich bei Tage die Wäsche Und den ekligen Kram in der Ruine mir auf.

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Illustration zu Friedenstempel

Interpretation

Das Gedicht "Friedenstempel" von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist eine poetische Reflexion über die Vergänglichkeit und den Wandel von Idealen und Strukturen im Laufe der Zeit. Es beginnt mit der Feststellung, dass der Tempel des Friedens noch immer existiert, jedoch hat sich die Welt verändert und die alten Werte sind nicht mehr so präsent wie früher. Die zweite Strophe fragt, ob die Nachwelt den Frieden, den das Altertum den Altären geweiht hat, durch Streit und Konflikte ersetzt hat. Es wird ein Bild von Unruhe und Chaos gezeichnet, das an die Zeit der römischen Bürgerkriege erinnert. In der dritten Strophe wird die Zerstörung durch die Zeit thematisiert. Die Zeit hat auch die mächtigsten Werke, einschließlich Tempel und Gräber, zerstört. Doch selbst in den Trümmern blüht noch Schönheit, symbolisiert durch Lorbeer und Myrthe. Dies könnte als Metapher für die Unsterblichkeit von Ideen und Werten dienen, die trotz physischer Zerstörung weiterleben. Die letzte Strophe bringt eine persönliche Note in das Gedicht. Der Sprecher fühlt eine tiefe Verbundenheit mit dem Friedenstempel und hat selbst eine Zeit des Friedens und der Seligkeit erlebt. Doch die "kleinliche Welt" hat diesen heiligen Raum mit ihren alltäglichen Sorgen und Nöten entweiht. Es ist ein Gefühl des Verlustes und der Enttäuschung, dass die heiligen Räume des Geistes und der Seele durch die profane Welt entweiht werden.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
der zerstörende Zeit mit den stärkeren Menschen
Anapher
Wo der Römer bejahte, da hört man »Yes Sir« die Menge, Und im Tempel geht′s noch leidlich und »very well« zu.
Hyperbel
um Vergebung, der Tag ist zu heiß
Kontrast
Auch auf der Vorwelt Grab erblüht noch lebendige Schönheit
Metapher
die kleinliche Welt hängt gleich bei Tage die Wäsche Und den ekligen Kram in der Ruine mir auf
Personifikation
Welch ein Geräusch? Ist Marius wieder, ist Cäsar gekommen, Droht Catilina mit Tod, Feuer und Knechtschaft der Stadt?
Symbolik
Lorbeer und Myrthe die Stirn