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Friedenstempel

Von

1.

Wirklich, des Friedens Tempel ist noch der Tempel des Friedens,
Und die heutige Welt schließt an die alte sich an.
Wo der Römer bejahte, da hört man »Yes Sir« die Menge,
Und im Tempel geht′s noch leidlich und »very well« zu.

2.

Was, wo das Alterthum dem Frieden Altäre geweihet,
Trägt die Nachwelt des Streits glühende Fackel hinein?
Welch ein Geräusch? Ist Marius wieder, ist Cäsar gekommen,
Droht Catilina mit Tod, Feuer und Knechtschaft der Stadt?
Um Vergebung, der Tag ist zu heiß, und ein Haufen Minenti
Findet′s im Heiligthum selber zum Mora bequem.

3.

Auch auf der Vorwelt Grab erblüht noch lebendige Schönheit,
Und aus gebrochnem Gestein äugeln noch Blümchen hervor.
Jene Tage sind hin, wo der Mensch sich in rühmlichem Frieden
Mit dem Bruder, sich selbst, und den Unsterblichen sah.
Freilich hat die zerstörende Zeit mit den stärkeren Menschen
Ihre Werke, sogar Tempel und Gräber zerstört,
Und das gewaltige Haus des Friedens stürzte zu Trümmer,
Aber den Trümmern umblüht Lorbeer und Myrthe die Stirn.

4.

Friedenstempel, du bist vor allem nah mir am Herzen,
Ach dein Schicksal hab′ ich mehr, als mir gut war, gefühlt.
Einst auch wölbte sich mir ein seliger Himmel voll Frieden,
Und mein glückliches Herz war ihm zum Tempel geweiht.
Nur dem verwandten Gemüth ersteigt aus der düstern Ruine
Tief in den Schatten der Nacht wieder der magische Bau.
Doch die kleinliche Welt hängt gleich bei Tage die Wäsche
Und den ekligen Kram in der Ruine mir auf.

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: Friedenstempel von Wilhelm Friedrich Waiblinger

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Friedenstempel“ von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist eine tiefgründige Reflexion über den Zustand des Friedens, sowohl in der Welt als auch im individuellen Herzen des Dichters. Das Gedicht zeichnet sich durch einen Wechsel von der Betrachtung der äußeren Welt zur inneren Gefühlswelt des Sprechers aus und thematisiert die Vergänglichkeit des Friedens, die Zerstörung durch äußere Kräfte und die Hoffnung auf Wiederaufbau und Erneuerung. Die Verwendung von Bildern des antiken Roms und der Ruinen unterstreicht die Thematik des Verfalls und des Neuanfangs.

Im ersten Teil des Gedichts wird die Diskrepanz zwischen dem Ideal des Friedens und der Realität der modernen Welt aufgezeigt. Der Sprecher stellt fest, dass der Tempel des Friedens immer noch als solcher bezeichnet wird, aber die Welt sich verändert hat. Die Römer und ihre Ideale weichen neuen Einflüssen, symbolisiert durch das „Yes Sir“ der Menge. Ironisch wird festgestellt, dass im „Tempel“ alles „leidlich“ und „very well“ abläuft, was die Oberflächlichkeit und den Scheinfrieden in der modernen Gesellschaft kritisiert. Der zweite Teil verstärkt diese Kritik, indem er die Frage nach dem Konflikt und dem Krieg in der Welt aufwirft. Die rhetorischen Fragen deuten auf eine beunruhigende Entwicklung hin, in der Krieg und Zwietracht in die Welt Einzug halten. Die Anspielung auf historische Figuren wie Marius, Cäsar und Catilina verstärkt den Eindruck von Gewalt und Zerstörung.

Der dritte Teil des Gedichts nimmt eine persönlichere Note an. Er beschreibt die Zerstörung durch die Zeit, aber auch die Widerstandsfähigkeit der Natur und der Schönheit. Aus den Ruinen, die die Zeit geschaffen hat, wachsen Blumen, was eine Metapher für Hoffnung und Erneuerung darstellt. Die Zeilen über die zerstörerische Zeit und die Tempel, die zu Trümmern wurden, spiegeln die Vergänglichkeit und den Verlust wider, betonen aber gleichzeitig die Möglichkeit des Neubeginns, symbolisiert durch Lorbeer und Myrte, die die Trümmer umwachsen. Diese Bilder unterstreichen die zyklische Natur von Zerstörung und Wiederaufbau.

Der letzte Teil des Gedichts verschiebt den Fokus auf die persönliche Ebene des Sprechers. Er drückt eine tiefe Verbundenheit mit dem „Friedenstempel“ aus und reflektiert über das eigene Schicksal. Das Gedicht enthüllt eine persönliche Erfahrung von Frieden, die durch äußere Umstände zerstört wurde. Der Sprecher blickt zurück auf eine Zeit des Glücks und des Friedens, die durch die Ruinen der Vergangenheit wiederbelebt werden kann. Die abschließende Zeile mit der „kleinlichen Welt“, die „die Wäsche und den ekligen Kram in der Ruine“ aufhängt, drückt eine tiefe Enttäuschung und eine Kritik an der Banalität und dem Mangel an Ehrfurcht aus, die in der heutigen Welt vorherrschen. Diese abschließende Metapher unterstreicht die Diskrepanz zwischen dem Ideal des Friedens und der Realität, die den Sprecher umgibt.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.