Friedensfeier

Friedrich Hölderlin

1770

Der himmlischen, still wiederklingenden, Der ruhigwandelnden Töne voll, Und gelüftet ist der altgebaute, Seeliggewohnte Saal; um grüne Teppiche duftet Die Freudenwolk′ und weithinglänzend stehn, Gereiftester Früchte voll und goldbekränzter Kelche, Wohlangeordnet, eine prächtige Reihe, Zur Seite da und dort aufsteigend über dem Geebneten Boden die Tische. Denn ferne kommend haben Hieher, zur Abendstunde, Sich liebende Gäste beschieden.

Und dämmernden Auges denk′ ich schon, Vom ernsten Tagwerk lächelnd, Ihn selbst zu sehn, den Fürsten des Fests. Doch wenn du schon dein Ausland gern verläugnest, Und als vom langen Heldenzuge müd, Dein Auge senkst, vergessen, leichtbeschattet, Und Freundesgestalt annimmst, du Allbekannter, doch Beugt fast die Knie das Hohe. Nichts vor dir, Nur Eines weiß ich, Sterbliches bist du nicht. Ein Weiser mag mir manches erhellen; wo aber Ein Gott noch auch erscheint, Da ist doch andere Klarheit.

Von heute aber nicht, nicht unverkündet ist er; Und einer, der nicht Fluth noch Flamme gescheuet, Erstaunet, da es stille worden, umsonst nicht, jezt, Da Herrschaft nirgend ist zu sehn bei Geistern und Menschen. Das ist, sie hören das Werk, Längst vorbereitend, von Morgen nach Abend, jezt erst, Denn unermeßlich braußt, in der Tiefe verhallend, Des Donnerers Echo, das tausendjährige Wetter, Zu schlafen, übertönt von Friedenslauten, hinunter. Ihr aber, theuergewordne, o ihr Tage der Unschuld, Ihr bringt auch heute das Fest, ihr Lieben! und es blüht Rings abendlich der Geist in dieser Stille; Und rathen muß ich, und wäre silbergrau Die Loke, o ihr Freunde! Für Kränze zu sorgen und Mahl, jezt ewigen Jünglingen ähnlich.

Und manchen möcht′ ich laden, aber o du, Der freundlichernst den Menschen zugethan, Dort unter syrischer Palme, Wo nahe lag die Stadt, am Brunnen gerne war; Das Kornfeld rauschte rings, still athmete die Kühlung Vom Schatten des geweiheten Gebirges, Und die lieben Freunde, das treue Gewölk, Umschatteten dich auch, damit der heiligkühne Durch Wildniß mild dein Stral zu Menschen kam, o Jüngling! Ach! aber dunkler umschattete, mitten im Wort, dich Furchtbarentscheidend ein tödtlich Verhängniß. So ist schnell Vergänglich alles Himmlische; aber umsonst nicht;

Denn schonend rührt des Maases allzeit kundig Nur einen Augenblik die Wohnungen der Menschen Ein Gott an, unversehn, und keiner weiß es, wenn? Auch darf alsdann das Freche drüber gehn, Und kommen muß zum heilgen Ort das Wilde Von Enden fern, übt rauhbetastend den Wahn, Und trift daran ein Schiksaal, aber Dank, Nie folgt der gleich hernach dem gottgegebnen Geschenke; Tiefprüfend ist es zu fassen. Auch wär′ uns, sparte der Gebende nicht Schon längst vom Seegen des Heerds Uns Gipfel und Boden entzündet.

Des Göttlichen aber empfiengen wir Doch viel. Es ward die Flamm′ uns In die Hände gegeben, und Ufer und Meersfluth. Viel mehr, denn menschlicher Weise Sind jene mit uns, die fremden Kräfte, vertrauet. Und es lehret Gestirn dich, das Vor Augen dir ist, doch nimmer kannst du ihm gleichen. Vom Alllebendigen aber, von dem Viel Freuden sind und Gesänge, Ist einer ein Sohn, ein Ruhigmächtiger ist er, Und nun erkennen wir ihn, Nun, da wir kennen den Vater Und Feiertage zu halten Der hohe, der Geist Der Welt sich zu Menschen geneigt hat.

Denn längst war der zum Herrn der Zeit zu groß Und weit aus reichte sein Feld, wann hats ihn aber erschöpfet? Einmal mag aber ein Gott auch Tagewerk erwählen, Gleich Sterblichen und theilen alles Schiksaal. Schiksaalgesez ist diß, daß Alle sich erfahren, Daß, wenn die Stille kehrt, auch eine Sprache sei. Wo aber wirkt der Geist, sind wir auch mit, und streiten, Was wohl das Beste sei. So dünkt mir jezt das Beste, Wenn nun vollendet sein Bild und fertig ist der Meister, Und selbst verklärt davon aus seiner Werkstatt tritt, Der stille Gott der Zeit und nur der Liebe Gesez, Das schönausgleichende gilt von hier an bis zum Himmel.

Viel hat von Morgen an, Seit ein Gespräch wir sind und hören voneinander, Erfahren der Mensch; bald sind wir aber Gesang. Und das Zeitbild, das der große Geist entfaltet, Ein Zeichen liegts vor uns, daß zwischen ihm und andern Ein Bündniß zwischen ihm und andern Mächten ist. Nicht er allein, die Unerzeugten, Ew′gen Sind kennbar alle daran, gleichwie auch an den Pflanzen Die Mutter Erde sich und Licht und Luft sich kennet. Zulezt ist aber doch, ihr heiligen Mächte, für euch Das Liebeszeichen, das Zeugniß Daß ihrs noch seiet, der Festtag,

Der Allversammelnde, wo Himmlische nicht Im Wunder offenbar, noch ungesehn im Wetter, Wo aber bei Gesang gastfreundlich untereinander In Chören gegenwärtig, eine heilige Zahl Die Seeligen in jeglicher Weise Beisammen sind, und ihr Geliebtestes auch, An dem sie hängen, nicht fehlt; denn darum rief ich Zum Gastmahl, das bereitet ist, Dich, Unvergeßlicher, dich, zum Abend der Zeit, O Jüngling, dich zum Fürsten des Festes; und eher legt Sich schlafen unser Geschlecht nicht, Bis ihr Verheißenen all, All ihr Unsterblichen, uns Von eurem Himmel zu sagen. Da seid in unserem Hauße.

Leichtathmende Lüfte Verkünden euch schon, Euch kündet das rauchende Thal Und der Boden, der vom Wetter noch dröhnet, Doch Hoffnung röthet die Wangen, Und vor der Thüre des Haußes Sizt Mutter und Kind, Und schauet den Frieden Und wenige scheinen zu sterben Es hält ein Ahnen die Seele, Vom goldnen Lichte gesendet, Hält ein Versprechen die Ältesten auf.

Wohl sind die Würze des Lebens, Von oben bereitet und auch Hinausgeführet, die Mühen. Denn Alles gefällt jezt, Einfältiges aber Am meisten, denn die langgesuchte, Die goldne Frucht, Uraltem Stamm In schütternden Stürmen entfallen, Dann aber, als liebstes Gut, vom heiligen Schiksaal selbst, Mit zärtlichen Waffen umschüzt, Die Gestalt der Himmlischen ist es.

Wie die Löwin, hast du geklagt, O Mutter, da du sie, Natur, die Kinder verloren. Denn es stahl sie, Allzuliebende, dir Dein Feind, da du ihn fast Wie die eigenen Söhne genommen, Und Satyren die Götter gesellt hast. So hast du manches gebaut, Und manches begraben, Denn es haßt dich, was Du, vor der Zeit Allkräftige, zum Lichte gezogen. Nun kennest, nun lässest du diß; Denn gerne fühllos ruht, Bis daß es reift, furchtsamgeschäfftiges drunten.

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Illustration zu Friedensfeier

Interpretation

Das Gedicht "Friedensfeier" von Friedrich Hölderlin ist ein tiefgründiges und komplexes Werk, das sich mit Themen wie Göttlichkeit, Zeit und Menschlichkeit auseinandersetzt. Es beginnt mit einer feierlichen Atmosphäre, in der sich Gäste zu einem Fest versammeln. Die Stimmung ist von Ruhe und Erwartung geprägt, während man auf den Fürsten des Fests wartet. Hölderlin beschreibt die Szene mit lebendigen Bildern von Tischen, die mit Früchten und Kelchen geschmückt sind, und von einer Wolke der Freude, die über dem grünen Teppich schwebt. Im weiteren Verlauf des Gedichts reflektiert Hölderlin über die Natur des Göttlichen und des Menschlichen. Er betont, dass der Fürst des Fests, obwohl er menschliche Züge annimmt, nicht sterblich ist. Dies deutet auf eine göttliche Präsenz hin, die über das menschliche Verständnis hinausgeht. Hölderlin spricht auch von einem Weisen, der viel erhellen kann, aber wo ein Gott erscheint, ist eine andere Klarheit vorhanden. Dies unterstreicht die Idee, dass göttliche Erkenntnis eine tiefere und umfassendere Einsicht bietet als menschliche Weisheit. Das Gedicht endet mit einer Vision von Frieden und Hoffnung. Hölderlin beschreibt, wie die Natur und die Menschen auf die Ankunft des Göttlichen warten. Er spricht von einer Mutter und einem Kind, die vor der Haustür sitzen und den Frieden betrachten. Dieses Bild symbolisiert die Sehnsucht nach einer harmonischen und friedlichen Welt. Hölderlin schließt mit der Vorstellung, dass die Mühen des Lebens, die von oben bereitet wurden, nun Früchte tragen und dass die Gestalt der Himmlischen, die zärtlich umschützt wurde, nun als das liebste Gut erscheint. Dies deutet auf eine Versöhnung und Vollendung hin, die durch die göttliche Präsenz ermöglicht wird.

Schlüsselwörter

jezt menschen gott stille geist viel zeit boden

Wortwolke

Wortwolke zu Friedensfeier

Stilmittel

Alliteration
Von heute aber nicht, nicht unverkündet ist er
Bildsprache
Und manchen möcht' ich laden, aber o du
Hyperbel
weithinglänzend stehn, Gereiftester Früchte voll und goldbekränzter Kelche
Metapher
Denn gerne fühllos ruht, Bis daß es reift, furchtsamgeschäfftiges drunten
Parallelismus
Zur Seite da und dort aufsteigend über dem Geebneten Boden die Tische
Personifikation
ihr Tage der Unschuld, Ihr bringt auch heute das Fest