Friede auf Erden

Conrad Ferdinand Meyer

1904

Da die Hirten ihre Herde ließen und des Engels Worte trugen durch die enge Pforte zu der Mutter und dem Kind fuhr das himmlische Gesind fort, im Sternenraum zu singen, fuhr der Himmel fort zu klingen: “Friede, Friede! auf der Erde!”

Seit die Engel so geraten, o wie viele blutge Taten hat der Streit auf wildem Pferde, der geharnischte, vollbracht! In wie mancher heilgen Nacht sang der Chor der Geister zagend dringlich flehend, leis verklagend: “Friede, Friede! auf der Erde!”

Doch es ist ein ewger Glaube, dass der Schwache nicht zum Raube jeder frechen Mordgebärde werde fallen allezeit: Etwas wie Gerechtigkeit webt und wirkt in Mord und Grauen, und ein Reich will sich erbauen, das den Frieden sucht der Erde.

Mählich wird es sich gestalten, seines heilgen Amtes walten, Waffen schmieden ohne Fährde, Flammenschwerter für das Recht, und ein königlich Geschlecht wird erblühn mit starken Söhnen, dessen helle Tuben dröhnen: Friede, Friede auf der Erde!

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Friede auf Erden

Interpretation

Das Gedicht "Friede auf Erden" von Conrad Ferdinand Meyer beginnt mit einer Beschreibung der Weihnachtsgeschichte, bei der die Engel den Hirten die Geburt Jesu verkünden und den Frieden auf Erden besingen. Doch bereits hier wird ein Kontrast zwischen dem himmlischen Gesang und dem menschlichen Streben nach Macht und Gewalt aufgespannt. Die Engel ziehen weiter, und die Menschen bleiben mit ihrem Schicksal allein zurück. Im zweiten Teil des Gedichts wird deutlich, dass der Friedensruf der Engel durch die Geschichte hindurch oft ungehört verhallt ist. Trotz des Flehens der Engel um Frieden hat der bewaffnete Streit unzählige blutige Taten hervorgebracht. Der Kontrast zwischen dem himmlischen Ideal und der menschlichen Realität wird immer deutlicher. Der letzte Teil des Gedichts bringt jedoch einen Hoffnungsschimmer. Obwohl die Menschen oft schwach und den Angriffen der Mächtigen ausgesetzt sind, gibt es einen ewigen Glauben daran, dass Gerechtigkeit und Frieden sich durchsetzen werden. Eine königliche Dynastie wird erblühen, die Waffen schmiedet, ohne Furcht zu verbreiten, und die für das Recht kämpft. Die hellen Trompeten dieser Dynastie werden den Ruf nach Frieden auf Erden ertönen lassen.

Schlüsselwörter

friede erde fuhr fort heilgen hirten herde ließen

Wortwolke

Wortwolke zu Friede auf Erden

Stilmittel

Alliteration
blutge Taten
Anapher
Friede, Friede! auf der Erde!
Hyperbel
Im Sternenraum zu singen
Kontrast
Etwas wie Gerechtigkeit webt und wirkt in Mord und Grauen
Metapher
Waffen schmieden ohne Fährde
Personifikation
Himmel klingt
Symbolik
himmlische Gesind