Freundin Hörerin

Paul Boldt

1918

Die Gegenwart der Nacht macht alles schlimmer. Die Phantasien der Lust entlaufen schnöde, Die Uhr schreit häßlich in der Herzeinöde, Ins Zimmer fliegen die früheren Zimmer.

Unter die Stirne flieht die Gliederherde. Im Mund weißkleinen Zähnelichtes schreit es, Und Schrecken wächst im Antlitz wie ein zweites: Ach, ach, es friert über mich hin aus Erde.

Und das Bewußtsein glaubt noch nicht einmal Der chemischen Erlösung von dem Leide. Das Antlitz abgestreift an eine Weide, Mit Felderarmen liegen wir im Tal.

Ich mußte haltlos altern aus der Jugend In dieser weißen, häuserigen Stadt. Auf krummem Himmel frei zu stehen matt, Den Schädel in die Martermauern fugend.

Im Himmelsgrund voll Schatten, Wind und Straße Erscheinen wir, die sich bewegend tun. Aus Augen fliegt über den dunklen Schuhn Der Regenbogen durch die Antlitzmasse.

Antlitze kommen auf in dem Tierhaar, Die Einzelaugen an die meinen spülend. Und ein Gesicht, Auswuchs der Seele, fühlend Einschwebte Stirn zur Stirne, scheues Paar.

Wir arbeiten. Mich freut es, dich zu sehn Freundinnenlippenrot, anthropomorph. Wir bauen in die Stadt uns kleines Dorf Schädelblut-Häuser und Arme-Alleen.

Das Herz geht in den Händen hin und her. Die Augen füllen sich an einem Strahl, Mit Bäumebildern, Städten an dem Meer. Der Strahl ist aus der Sonne, Tag geheißen.

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Illustration zu Freundin Hörerin

Interpretation

Das Gedicht "Freundin Hörerin" von Paul Boldt thematisiert die Dunkelheit und Einsamkeit der Nacht, die die Ängste und Schrecken des lyrischen Ichs verstärkt. Die Gegenwart der Nacht macht alles schlimmer, Phantasien der Lust entfliehen und das Herz schreit in der Einöde. Das Ich fühlt sich von den früheren Zimmern verfolgt und die Gliederherde flieht unter die Stirne. Die Angst wächst im Antlitz und das Bewusstsein glaubt nicht an eine Erlösung vom Leid. Das lyrische Ich fühlt sich haltlos und gealtert in der weißen, häuserigen Stadt. Es steht matt unter einem krummen Himmel und denkt an die Martermauern, die seinen Schädel fugen. Doch in der Dunkelheit erscheinen Schatten, Wind und Straße und die Menschen bewegen sich. Der Regenbogen fliegt durch die Antlitzmasse und die Einzelaugen spülen an die des lyrischen Ichs. Ein Gesicht, Auswuchs der Seele, fügt sich der Stirn zur Stirne und bildet ein scheues Paar. Das lyrische Ich und seine Freundin bauen ein kleines Dorf in der Stadt mit Schädelblut-Häusern und Arme-Alleen. Das Herz geht in den Händen hin und her und die Augen füllen sich an einem Strahl, der aus der Sonne kommt und Tag geheißen wird. Das Gedicht endet mit einem Hoffnungsschimmer auf eine bessere Zukunft, in der das lyrische Ich und seine Freundin gemeinsam bauen und leben können.

Schlüsselwörter

schreit zimmer stirne antlitz hin stadt augen strahl

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Stilmittel

Alliteration
[Die Gegenwart der Nacht macht alles schlimmer Die Phantasien der Lust entlaufen schnöde Die Uhr schreit häßlich in der Herzeinöde Im Mund weißkleinen Zähnelichtes schreit es Im Himmelsgrund voll Schatten, Wind und Straße Freundinnenlippenrot, anthropomorph Wir bauen in die Stadt uns kleines Dorf Schädelblut-Häuser und Arme-Alleen Das Herz geht in den Händen hin und her Die Augen füllen sich an einem Strahl]
Enjambement
[Die Gegenwart der Nacht macht alles schlimmer. Die Phantasien der Lust entlaufen schnöde, Die Uhr schreit häßlich in der Herzeinöde, Ins Zimmer fliegen die früheren Zimmer. Unter die Stirne flieht die Gliederherde. Im Mund weißkleinen Zähnelichtes schreit es, Und Schrecken wächst im Antlitz wie ein zweites: Ach, ach, es friert über mich hin aus Erde. Und das Bewußtsein glaubt noch nicht einmal Der chemischen Erlösung von dem Leide. Das Antlitz abgestreift an eine Weide, Mit Felderarmen liegen wir im Tal. Ich mußte haltlos altern aus der Jugend In dieser weißen, häuserigen Stadt. Auf krummem Himmel frei zu stehen matt, Den Schädel in die Martermauern fugend. Im Himmelsgrund voll Schatten, Wind und Straße Erscheinen wir, die sich bewegend tun. Aus Augen fliegt über den dunklen Schuhn Der Regenbogen durch die Antlitzmasse. Antlitze kommen auf in dem Tierhaar, Die Einzelaugen an die meinen spülend. Und ein Gesicht, Auswuchs der Seele, fühlend Einschwebete Stirn zur Stirne, scheues Paar. Wir arbeiten. Mich freut es, dich zu sehn Freundinnenlippenrot, anthropomorph. Wir bauen in die Stadt uns kleines Dorf Schädelblut-Häuser und Arme-Alleen. Das Herz geht in den Händen hin und her. Die Augen füllen sich an einem Strahl, Mit Bäumebildern, Städten an dem Meer. Der Strahl ist aus der Sonne, Tag geheißen.]
Hyperbel
[Die Gegenwart der Nacht macht alles schlimmer Die Uhr schreit häßlich in der Herzeinöde Im Mund weißkleinen Zähnelichtes schreit es Ach, ach, es friert über mich hin aus Erde Den Schädel in die Martermauern fugend]
Metapher
[Die Gegenwart der Nacht macht alles schlimmer Die Uhr schreit häßlich in der Herzeinöde Unter die Stirne flieht die Gliederherde Schrecken wächst im Antlitz wie ein zweites Das Antlitz abgestreift an eine Weide Mit Felderarmen liegen wir im Tal Den Schädel in die Martermauern fugend Der Regenbogen durch die Antlitzmasse Auswuchs der Seele Freundinnenlippenrot Schädelblut-Häuser und Arme-Alleen Das Herz geht in den Händen hin und her Die Augen füllen sich an einem Strahl]
Personifikation
[Die Uhr schreit häßlich Die Gegenwart der Nacht macht alles schlimmer Die Augen füllen sich an einem Strahl]
Synekdoche
[Felderarme Schädelblut-Häuser Arme-Alleen]
Synästhesie
[Die Uhr schreit häßlich]