Freude in Ehren
1803Ne Gsang in Ehre, wer will’s verwehre? Singt ’s Tierli nit in Hurst und Nast, der Engel nit im Sterneglast? E freie frohe Mut, e gsund und fröhlich Blut goht über Geld und Gut. Ne Trunk in Ehre, wer will’s verwehre? Trinkt ’s Blüemli nit si Morgetau? Trinkt nit der Vogt si Schöppli au? Und wer am Werchtig schafft, dem bringt der Rebesaft am Sunntig neui Chraft. Ne Chuß in Ehre, wer will’s verwehre? Chüßt ’s Blüemli nit sie Schwesterli, und ’s Sternli chüßt si Nöchberli? In Ehre, hani gseit, und in der Unschuld Gleit, mit Zucht und Sittsemkeit. Ne freudig Stündli, isch’s nit e Fündli? Jez hemmer’s und jez simmer do; es chunnt e Zit, würd’s anderst goh. ’s währt alles churzi Zit, der Chilchhof isch nit wit. Wer weiß, wer bal dört lit? Wenn d’Glocke schalle, wer hilftis alle? O gebis Gott e sanfte Tod! E rüeihig Gwisse gebis Gott, wenn d’Sunn am Himmel lacht, wenn alles blizt und chracht, und in der letzte Nacht!
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Interpretation
Das Gedicht "Freude in Ehren" von Johann Peter Hebel ist eine lebendige und tiefsinnige Reflexion über das Leben und die Freude. In den ersten Strophen preist Hebel die Freude und das Singen als Ausdruck von Lebensfreude und Gesundheit, die über materiellen Reichtum gestellt werden. Er betont, dass die Natur, wie Tiere und Engel, ebenfalls in Freude schwelgen, und dass ein freier, froher Mut und gesundes Blut wertvoller sind als Geld und Besitz. In den folgenden Strophen wendet sich Hebel dem Trinken zu, das ebenfalls in Ehren gehalten werden soll. Er vergleicht das Trinken von Tau durch Blumen und den Rebensaft, der dem Arbeiter am Werktag Kraft gibt, mit der Freude, die im Leben gefunden werden kann. Hebel betont, dass solche Freuden in Maßen und mit Zucht und Sittsamkeit genossen werden sollten, um ihre Unschuld und Reinheit zu bewahren. Das Gedicht schließt mit einer nachdenklichen Betrachtung über die Vergänglichkeit des Lebens. Hebel erinnert daran, dass das Leben kurz ist und dass der Tod unausweichlich ist. Er ruft dazu auf, die Freuden des Lebens zu genießen, solange man kann, denn "jez hemmer's und jez simmer do". Die letzte Strophe enthält einen stillen Wunsch nach einem sanften Tod und einem ruhigen Gewissen, wenn die Sonne am Himmel lacht und alles in voller Pracht erstrahlt, bevor die letzte Nacht hereinbricht.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- E freie frohe Mut, / E gsund und fröhlich Blut
- Anapher
- Ne Gesang in Ehre, wer will's verwehre? / Ne Trunk in Ehre, wer will's verwehre? / Ne Kuss in Ehre, wer will's verwehre?
- Kontrast
- Wenn d'Sunn am Himmel lacht, / Wenn alles blizt und chracht, / Und in der letzte Nacht!
- Metapher
- Singt 's Tierli nit in Hurst und Nast, / Der Engel nit im Sterneglast?
- Personifikation
- Wenn d'Sunn am Himmel lacht, / Wenn alles blizt und chracht
- Rhetorische Frage
- Wer weiß, wer bal dört lit?