Fremd in der Fremde

Martin Greif

1868

Nirgend kann ich lange bleiben, Ruhelos ist mir der Sinn, Wolken, Wind und Wellen treiben Ohne viel Erinnrung hin.

Wenn im Herbst die letzten Schwalben Fliehen, wird das Herz mir schwer, Stimmen rufen allenthalben, Allenthalben um mich her.

Ordnen sich die Wanderzüge, Folgt mein Auge sehnsuchtsvoll, Wenn ich mich an Menschen schmiege, Fühl′ ich, daß ich weiter soll –

Wieder weiter von der Stätte, Die ich wandermüd ersehnt, An der Liebe goldne Kette Hat sich nie mein Herz gewöhnt.

Was mich fesselnd möcht′ umschlingen, Bebt mit mir in gleicher Pein, Mag ich bangen, mag ich ringen, Immer muß geschieden sein.

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Illustration zu Fremd in der Fremde

Interpretation

Das Gedicht "Fremd in der Fremde" von Martin Greif beschreibt die innere Unruhe und das Gefühl der Fremdheit des lyrischen Ichs. Die Person fühlt sich nirgends zugehörig und kann sich nicht lange an einem Ort aufhalten. Die Metaphern der Wolken, des Windes und der Wellen, die ohne Erinnerung treiben, unterstreichen die Ziellosigkeit und das Fehlen von Bindungen. Die herbstlichen Schwalben, die wegfliegen, symbolisieren die Sehnsucht nach Veränderung und das schwere Herz des Ichs, das von Stimmen umgeben ist, die es zum Weiterziehen auffordern. Die Wanderzüge der Vögel beobachten das lyrische Ich mit sehnsuchtsvollem Blick, was die tiefe Verbundenheit mit der Natur und den Wunsch nach Freiheit verdeutlicht. Doch selbst wenn es sich an Menschen schmiegt, fühlt es sich zum Weitergehen gedrängt. Die Stelle, die es sich sehnlichst gewünscht hat, kann es nicht lange verweilen, da es sich nie an die "goldene Kette der Liebe" gewöhnen konnte. Dies deutet auf eine Unfähigkeit hin, tiefe emotionale Bindungen einzugehen und sich festzulegen. Das lyrische Ich ist gefangen in einem Kreislauf aus Angst und Kampf, symbolisiert durch das Beben in gleicher Pein. Es kann sich nicht von der Last der Einsamkeit und der Unzufriedenheit befreien. Die Schlusszeilen "Immer muß geschieden sein" verdeutlichen die Endgültigkeit und die Unausweichlichkeit der Trennung. Das Gedicht vermittelt ein tiefes Gefühl der Isolation und der Unfähigkeit, in der Welt Fuß zu fassen, und lässt den Leser mit der Melancholie des ewigen Wanderns und der Sehnsucht nach einem Ort der Zugehörigkeit zurück.

Schlüsselwörter

herz allenthalben weiter mag nirgend kann lange bleiben

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Stilmittel

Bildlichkeit
Wenn ich mich an Menschen schmiege, Fühl′ ich, daß ich weiter soll --
Hyperbel
Was mich fesselnd möcht′ umschlingen, Bebt mit mir in gleicher Pein.
Kontrast
An der Liebe goldne Kette Hat sich nie mein Herz gewöhnt.
Metapher
Wolken, Wind und Wellen treiben Ohne viel Erinnrung hin.
Personifikation
Stimmen rufen allenthalben, Allenthalben um mich her.
Symbolik
Wenn im Herbst die letzten Schwalben Fliehen, wird das Herz mir schwer.
Wiederholung
allenthalben, Allenthalben um mich her.