Freiheit

Friedrich Schlegel

1788

Freiheit, so die Flügel Schwingt zur Felsenkluft, Wenn um grüne Hügel Weht des Frühlings Luft; Sprich aus dem Gesange, Rausch’ in deutschem Klange, Atme Waldes Duft!

Was mit Lust und Beben In die Seele bricht, Dies geheime Leben, Ist es Freiheit nicht? Diese Wunderfülle, Die in Liebeshülle An die Sinne spricht?

Frei sich regt und froher Ahndung in der Brust, Und des Waldes hoher Geist wird uns bewußt. Linde Blütenwellen Schlagen an und schwellen Höher stets die Lust.

Höher noch entzündet Flammt der Geist empor, Wessen Herz verbündet, Sich den Freund erkor. Für die Freiheit sterben Sah man, Ruhm erwerben Oft der Freunde Chor.

Brüderlich verbunden Für der Ehre Wort, Reißt in Todes Wunden Sturm die Edlen fort. Auf in Ruhmes Flammen Schlägt ihr Herz zusammen Zu der Sonne dort.

Ach dem Vaterlande Wird der Geist nie fern, Ehrt in treuem Bande Es als seinen Herrn. Kühnen Stolzes schlagen Freie Herzen, wagen Dafür alles gern.

Wo nach altem Rechte Fromme Sitte gilt, Da sind edle Mächte Noch der Freiheit Schild. Jeder stark alleine, Stärker im Vereine, Ist des Ganzen Bild.

Doch die höchste Liebe Nimmt wohl andern Lauf; Daß ihr eines bliebe, Gibt sie alles auf. Irdisch hier in Tränen Steigt ihr sanftes Sehnen Dann zum Licht hinauf.

Jeder mag es finden, Wer in sich versenkt, Wie ihn Leiden binden, An den Himmel denkt. Ledig aller Sorgen, Ist der ew’ge Morgen Seinem Geist geschenkt.

Eins sind diese dreie, Eine Freiheit ganz; Einer Sehnsucht Weihe Flicht zu einem Kranz Frühlings Waldesblühen, Heldenherzens Glühen, Und des Himmels Glanz.

Freiheit, ja ich fühle Deine Liebesglut; Du bist der Gefühle Herz und Lebensblut! Sprich aus dem Gesange Rausch’ in Adlers Klange, Atme deutschen Mut.

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Illustration zu Freiheit

Interpretation

Das Gedicht "Freiheit" von Friedrich Schlegel ist ein tiefgründiges Loblied auf die Freiheit in ihren verschiedenen Erscheinungsformen und Dimensionen. Es beginnt mit einer lyrischen Beschreibung der Freiheit als natürliches Phänomen, das sich in der Frühlingslandschaft manifestiert und durch Klang und Duft erfahrbar wird. Der Dichter verknüpft Freiheit mit den sinnlichen Erfahrungen des Frühlings und der Natur, was auf eine organische, fast spirituelle Dimension der Freiheit hindeutet. Im weiteren Verlauf des Gedichts erweitert Schlegel die Vorstellung von Freiheit um menschliche und gesellschaftliche Aspekte. Er beschreibt die Freiheit als ein "geheimes Leben", das mit Lust und Beben in die Seele bricht und durch eine "Wunderfülle" in Liebeshülle an die Sinne spricht. Dies deutet auf eine tiefe, emotionale Verbindung zur Freiheit hin, die über das rein Natürliche hinausgeht. Der Dichter thematisiert auch die Kameradschaft und den Zusammenhalt unter Freien, die für die Freiheit sterben und Ruhm erwerben. Dies zeigt eine patriotische und heroische Dimension der Freiheit, die eng mit Ehre und Opferbereitschaft verbunden ist. Das Gedicht schließt mit einer Betrachtung der höchsten Form der Liebe und Freiheit, die sich vom Irdischen löst und zum Himmel strebt. Schlegel spricht von einer Freiheit, die "alles aufgibt", um eines zu bewahren, was auf eine spirituelle oder göttliche Dimension der Freiheit hindeutet. Er beschreibt die Freiheit als "ew'gen Morgen", der dem Geist geschenkt wird, und als eine Einheit aus Frühlingswaldesblühen, Heldenherzensglühen und Himmelsglanz. Dieses abschließende Bild vereint die verschiedenen Aspekte der Freiheit – die natürliche, die menschliche, die patriotische und die spirituelle – zu einem harmonischen Ganzen. Das Gedicht endet mit einer leidenschaftlichen Bekräftigung der Freiheit als "Liebesglut" und "Herz und Lebensblut" der Gefühle, was die tiefe emotionale und existenzielle Bedeutung der Freiheit für den Dichter unterstreicht.

Schlüsselwörter

freiheit geist herz frühlings sprich gesange rausch klange

Wortwolke

Wortwolke zu Freiheit

Stilmittel

Alliteration
Klangfiguren wie 'Linde Blütenwellen', 'stark alleine, stärker im Vereine'
Anapher
Wiederholung von 'Freiheit' am Anfang mehrerer Zeilen
Enjambement
Zeilenumbrüche, die den Sinn über mehrere Zeilen tragen, z.B. 'Was mit Lust und Beben / In die Seele bricht'
Hyperbel
Übertreibungen wie 'Für die Freiheit sterben'
Kontrast
Gegensätze wie 'irdisch hier in Tränen' vs. 'steigt zum Licht hinauf'
Metapher
Freiheit als 'Flügel', 'Waldes Duft', 'Liebesglut'
Parallelismus
Wiederholte Satzstrukturen in den Strophen, z.B. 'Sprich aus dem Gesange, Rausch' in Adlers Klange'
Personifikation
Freiheit als sprechendes Wesen ('Sprich aus dem Gesange'), 'Waldes hoher Geist'
Symbolik
Naturbilder (Frühling, Wald) als Symbole für Freiheit und Sehnsucht
Synästhesie
Verschmelzung von Sinneseindrücken, z.B. 'Rausch' in 'Adlers Klange'