Freie Presse

Robert Eduard Prutz

1816

Zwanzig Bogen, zwanzig Bogen! Nun gereckt und nun gezogen, an den Federn nun gesogen, bis die zwanzig Bogen voll! Neunzehn Bogen sind noch sündig, aber zwanzig machen mündig, wär′ der zwanzigste auch toll!

Nun geplündert, nun gestohlen! Denn der Zensor hat befohlen, und der Setzer steht auf Kohlen: Rasch den zwanzigsten herbei! Neunzehn Bogen sind gefährlich, aber zwanzig machen ehrlich, aber zwanzig machen frei.

Heil′ge Zwanzig! Zu dir bet′ ich: Rätselhaft und wundertätig macht des Zensors Majestät dich, und ehre seine Huld. Zwar das neunzehnte Jahrhundert steht beschämt und fragt verwundert - Ja, die Neunzehn hat die Schuld!

Und so läßt es sich erraten: Unsre Fürsten, unsre Staaten nehmen als Homöopathen jetzt die Völker in die Kur, laßt die Leser sich erbosen! Wenig Fleisch und lange Soßen, das ersetzt uns die Zensur.

Schreibt denn nun in Gottes Namen, schreibt, ihr Herren und ihr Damen, schreibt, ihr Blinden und ihr Lahmen, schreibt nach Maß und nach Gewicht! Zwanzig Bogen zwar sind euer: aber zwanzig sind zu teuer, zwanzig Bogen kauft man nicht.

Ja zumal in unseren Tagen, wo die dampfbeschwingten Wagen sausend durch die Länder jagen und es doch an Zeit gebricht: Zwanzig Bogen - welche Menge! Zwanzig Bogen - welche Länge! Zwanzig Bogen liest man nicht!

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Illustration zu Freie Presse

Interpretation

Das Gedicht "Freie Presse" von Robert Eduard Prutz ist eine satirische Auseinandersetzung mit der Zensurpraxis im 19. Jahrhundert. Es kritisiert die Willkür und Absurdität der Zensur, indem es die Zahl Zwanzig als magische Schwelle für die Zulässigkeit von Texten etabliert. Das Gedicht zeigt, wie die Zensur die Meinungsfreiheit einschränkt und die Presse manipuliert. Prutz verwendet eine repetitive Struktur, um die Mechanik der Zensur zu verdeutlichen. Die wiederholte Erwähnung der "zwanzig Bogen" unterstreicht die willkürliche Natur der Zensurregelung. Die Autoren werden aufgefordert, nach "Maß und Gewicht" zu schreiben, was die Einschränkung der kreativen Freiheit verdeutlicht. Die abschließende Zeile, dass "zwanzig Bogen liest man nicht", deutet darauf hin, dass die Zensur letztendlich wirkungslos ist, da die Leser durch die Fülle an Texten überfordert sind. Das Gedicht endet mit einem Appell an die Autoren, trotz der Zensurbeschränkungen weiterzuschreiben. Es wird betont, dass die Zensur zwar die Form der Texte beeinflusst, aber nicht die Meinungsfreiheit vollständig unterdrücken kann. Die abschließende Zeile "zwanzig Bogen liest man nicht" deutet darauf hin, dass die Zensur letztendlich wirkungslos ist, da die Leser durch die Fülle an Texten überfordert sind.

Schlüsselwörter

zwanzig bogen schreibt neunzehn machen steht zwar unsre

Wortwolke

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Stilmittel

Anapher
Zwanzig Bogen, zwanzig Bogen! / Nun gereckt und nun gezogen, / an den Federn nun gesogen, / bis die zwanzig Bogen voll!
Hyperbel
Zwanzig Bogen - welche Menge! / Zwanzig Bogen - welche Länge! / Zwanzig Bogen liest man nicht!
Ironie
Neunzehn Bogen sind gefährlich, / aber zwanzig machen ehrlich, / aber zwanzig machen frei.
Metapher
Aber zwanzig machen mündig, / wär' der zwanzigste auch toll!
Personifikation
Heil'ge Zwanzig! Zu dir bet' ich: / Rätselhaft und wundertätig / macht des Zensors Majestät dich, / und ehre seine Huld.