Freie Kunst
1815Singe, wem Gesang gegeben, In dem deutschen Dichterwald! Das ist Freude, das ist Leben, Wenn′s von allen Zweigen schallt.
Nicht an wenig stolze Namen Ist die Liederkunst gebannt; Ausgestreut ist der Samen Über alles deutsche Land.
Deines vollen Herzens Triebe, Gib sie keck im Klange frei! Säuselnd wandle deine Liebe, Donnernd uns dein Zorn vorbei!
Singst du nicht dein ganzes Leben, Sing doch in der Jugend Drang! Nur im Blütemond erheben Nachtigallen ihren Sang.
Kann man′s nicht in Bücher binden, Was die Stunden dir verleihn: Gib ein fliegend Blatt den Winden! Muntre Jugend hascht es ein.
Fahret wohl, geheime Kunden, Nekromantik, Alchimie! Formeln hält uns nicht gebunden: Unsre Kunst heißt Poesie.
Heilig achten wir die Geister, Aber Namen sind uns Dunst; Würdig ehren wir die Meister, Aber frei ist uns die Kunst!
Nicht in kalten Marmorsteinen, Nicht in Tempeln, dumpf und tot: In den frischen Eichenhainen Webt und rauscht der deutsche Gott.
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Interpretation
Das Gedicht "Freie Kunst" von Ludwig Uhland feiert die Freiheit und Lebendigkeit der deutschen Dichtkunst. Uhland preist die Vielfalt und den ungebundenen Charakter der Kunst, die sich nicht auf wenige berühmte Namen beschränkt, sondern im gesamten deutschen Sprachraum verbreitet ist. Die Naturmetaphern, wie der "deutsche Dichterwald" und der "Samen", verdeutlichen die organische und natürliche Entwicklung der Poesie. In den folgenden Strophen ermutigt Uhland den Dichter, seine Emotionen mutig in seiner Kunst auszudrücken. Er fordert auf, Liebe sanft wie ein Flüstern und Zorn kraftvoll wie ein Donner zu vermitteln. Die Jugend wird als die beste Zeit zum Singen hervorgehoben, vergleichbar mit der Nachtigall, die nur im Frühling singt. Die Vergänglichkeit des Lebens wird betont, indem er rät, flüchtige Gedanken freizugeben, damit sie von der Jugend aufgefangen werden. Im letzten Teil des Gedichts distanziert sich Uhland von geheimnisvollen und starren Formen der Kunst wie Nekromantik und Alchimie. Er betont, dass die deutsche Poesie frei und lebendig ist, nicht an Traditionen oder heilige Namen gebunden. Die Kunst wird als heilig angesehen, aber ohne die Fesseln der Vergangenheit. Der deutsche Gott wird nicht in kalten Tempeln, sondern in der lebendigen Natur verehrt, was die Verbindung zwischen deutscher Identität, Natur und freier Kunst symbolisiert.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Hyperbel
- Ausgestreut ist der Samen Über alles deutsche Land
- Kontrast
- Nicht in kalten Marmorsteinen, Nicht in Tempeln, dumpf und tot: In den frischen Eichenhainen Webt und rauscht der deutsche Gott
- Metapher
- Freie Kunst
- Personifikation
- Wenn's von allen Zweigen schallt